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Gastbeitrag Integration gelingt öfter als viele denken

Wir sollten geduldiger, gelassener und selbstbewusster und optimistischer sein. Integration ist ein langfristiger Prozess.

Wenn über Integration diskutiert wird, dann meistens darüber, warum sie schiefläuft oder dass sie gescheitert ist. Jugendliche mit Migrationshintergrund werden in öffentlichen Diskussionen vor allem als Problemfälle beschrieben. Dies gilt auf beiden Seiten der polarisierten Integrationsdebatte: Während die einen behaupten, jungen Menschen seien integrationsunwillig, sehen die anderen sie vorwiegend als Opfer. Die Mehrheitsgesellschaft sei schuld, weil sie jungen Migrantinnen und Migranten Chancen und Unterstützung verwehre. Beide Perspektiven haben eins gemeinsam: Sie sind zu pessimistisch.

Wir untersuchen die Integration von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund seit Jahren in einer Längsschnittstudie. Zusammen mit Partnern in mehreren westeuropäischen Ländern haben wir umfangreiche und bislang einzigartige Daten zusammengetragen und nun ein Buch über die erste Phase der Studie, die Lebenssituation von 14- bis 15-Jährigen, veröffentlicht. Es zeigt: das Bild vom Problemfall junger Migranten ist ein Kli-schee, das mit der gelebten Realität nicht viel zu tun hat.

Die Integration gibt es nicht. Integration kann mehr oder weniger realisiert sein. In vielerlei Hinsicht ist sie sehr weit realisiert: Obwohl die wirtschaftliche Situation ihrer Eltern deutlich schlechter ist, können sich die Teenager mit Migrationshintergrund ähnlich viel leisten wie Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund, sie werden nicht häufiger straffällig, ihr mentales Wohlbefinden ist tendenziell höher; sie werden nicht häufiger Opfer von sozialer Ausgrenzung und schauen optimistisch in die Zukunft; ihre Ambitionen sind sogar höher. Dies gilt auch für die vermutete Problemgruppe der Muslime.

Natürlich gibt es auch viele Aspekte, in denen große Unterschiede zu den Altersgleichen be-stehen. Bildung gehört dazu. Wir wissen aber auch, dass dies eher eine soziale Ungleichheit ist. Jugendliche mit Migrationshintergrund kommen oft aus schlechteren ökonomischen Verhältnissen und tun sich deshalb schwerer – aber nicht schwerer als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund aus ähnlichen Verhältnissen. Bei gleichen Leistungen entscheiden sie sich sogar deutlich öfter für höhere Bildungswege.

Integration ist nicht auf Knopfdruck herstellbar, sondern ein langer anstrengender Prozess. Dieser findet aber merklich statt: Die zweite Generation ist schon wesentlich besser positioniert als die erste Generation, und die dritte Generation ist kaum noch von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund unterscheidbar.

Und dann gibt es Aspekte, in denen die Angleichung über die Generationen deutlich langsa-mer erfolgt. Hierzu zählen etwa Religiosität und bestimmte Wertvorstellungen. Auch bei der Freundschafts- und Partnerschaftswahl brechen die Barrieren zwischen Mehrheitsgesellschaft und einzelnen Gruppen nur allmählich auf.

Unsere Daten zeigen, dass die Gründe dafür jedoch nicht beim Unwillen auf irgendeiner Seite liegen. Sie sind viel einfacher. Kinder übernehmen einen Teil der Wertvorstellungen von den Eltern, wenn auch nicht vollständig. Und Personen umgeben sich gerne mit Gleichgesinnten. Oft haben sie auch keine anderen Möglichkeiten. Das sind allgemeine menschliche Prinzipien, die überall gelten – für Menschen mit und für Menschen ohne Migrationshintergrund.

Es ist wichtig, die Kraft dieser sozialen Prozesse – wir sprechen in den Sozialwissenschaften von Stratifizierung, Sozialisation und Homophilie – zu berücksichtigen, um realistische Maßstäbe darüber zu entwickeln, wie schnell bestimmte Dinge überhaupt erfolgen können.

Erst dann wird richtig sichtbar, welch enorme Integrationserfolge trotz aller Hindernisse erzielt worden sind und sich tagtäglich weiter vollziehen. Wir sollten etwas geduldiger, gelassener und vor allem selbstbewusster und optimistischer sein. Integration ist im langfristigen Interesse aller Beteiligten – auch das ist ein sehr allgemeines menschliches Prinzip.

Ethnische Vielfalt ist eine unumkehrbare Realität, und die Zukunft der westlichen Gesell-schaften liegt mit in den Händen der Jugendlichen, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben. In unserer Studie sind die wenigsten davon auch nur im entferntesten Problemfälle.

Sie haben bislang alles getan, was sie von ihren Startbedingungen aus tun konnten, und oft viel mehr. Und sie jammern auch nicht. Wenn wir über Integration diskutieren, dann sollten wir mehr über diese realen jungen Leute sprechen – sie haben es verdient.

Das Buch ‚Growing Up in Diverse Societies‘ ist am 4. Oktober im Verlag der Oxford Universität erschienen.

Frank Kalter ist Co-Direktor des Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) und Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Mannheim.

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