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Gastbeitrag Grüne Chemie ist kein Luftschloss

Der sozial-ökologische Umbau der Gesellschaft muss unseren Umgang mit Rohstoffen ändern.

31.05.2015 13:31
Hans Christian Markert

Es steht außer Frage, dass Deutschland weit besser als andere Industriegesellschaften durch die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 gekommen ist. Zu verdanken haben wir dies unter anderem unseren industriellen Kernen, von deren Erhalt und nachhaltiger Zukunft unser Wohlstand abhängt. Der Aufbau industrieller Kernkompetenzen dauert Generationen und mehrere Jahrzehnte. Das bedeutet auch: Was weg ist, ist praktisch für immer weg.

Der daher heute notwendige sozial-ökologische Umbau unserer Industriegesellschaft betrifft nicht nur unseren Energieverbrauch, er betrifft ebenso dringlich – etwa was die Rohstoffknappheit oder die Plastikvermüllung unserer Meere angeht – unseren Rohstoffverbrauch. Und wenn die Chemieindustrie früher von Grünen oftmals als Hauptgegnerin einer ökologischen Politik betrachtet wurde, so wird sie hierbei heute zu einem ihrer Hauptverbündeten. Wenn überhaupt eine klassische Industriebranche von einer Grünen Revolution profitieren kann, dann ist es die chemische Industrie. Darum wurde auf Vorschlag der grünen Landtagsfraktion vor zwei Jahren die Enquetekommission zur „Zukunft der chemischen Industrie in Nordrhein-Westfalen im Hinblick auf nachhaltige Rohstoffbasen, Produkte und Produktionsverfahren“ unter meinem Vorsitz ins Leben gerufen.

Die Bedeutung der chemischen Industrie in Nordrhein-Westfalen, dem größten Chemiestandort Europas, liegt vor allen Dingen darin, dass sie einen der großen Innovationsmotoren für die gesamte Industrie in unserem Land darstellt. Und da dies so bleiben soll, hat sich der Landtag in seinem Einsetzungsbeschluss auf drei Oberthemen verständigt – Rohstoffe/Werkstoffe, Elektrochemie, Verfahren.

Anhand dieser Schlüsselfragen hat die Kommission in intensiver Arbeit über zwei Jahre unterschiedliche Denkansätze zusammengeführt und neben dem Thema Energie auch Handlungsempfehlungen für die wichtigen Querschnittsthemen Innovationsfähigkeit, Technologieakzeptanz sowie für die gesellschaftlichen Herausforderungen von Qualifikation, demografischer Entwicklung und guten Arbeitsverhältnissen erarbeitet. Nach Abschluss der Kommission kann festgestellt werden: Es gibt einen grünen Weg zum nachhaltigen Umbau unserer Industriegesellschaft. Dieser kann aber nur im Konsens aller relevanten Akteure gelingen.

Vertreter aus Industrie, Verbänden, Politik, Wissenschaft und Gewerkschaften einigten sich auf einen solchen Konsens und bekannten sich dabei zu den ökologischen Zielen der Ressourceneffizienz, des Energie- und Ressourcenwandels und der Kreislaufwirtschaft. Damit hat die Enquetekommission eine belastbare Brücke in eine wirtschaftlich, sozial und ökologisch nachhaltige Zukunft für eine unserer Schlüsselindustrien gebaut.

Die Weichen auf diesem grünen Weg zum nachhaltigen Umbau werden dabei schon heute so gestellt, dass vermehrt erneuerbare Energien in chemische Prozesse eingespeist und die Rohstoffbasis verbreitert werden können.

Die insgesamt 58 Handlungsempfehlungen können auch im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie in Nordrhein-Westfalen einen wichtigen Beitrag dafür leisten, um die Energiewende und die zunehmende Verbreiterung der Rohstoffbasis in der Chemie zu stärken, unter anderem durch die Verbesserung der Verfügbarkeit kommunaler Abfallströme als Rohstoffe für die chemische Industrie sowie durch die Unterstützung von Verfahrensentwicklungen zur Bereitstellung von heimischen Kohlenstoffquellen und zur Verwendung des Klimakillers CO2 als Rohstoff für die Chemie.

Energie und Rohstoffe müssen und können in Zukunft effizienter genutzt werden. Hier schlägt die Kommission unter anderem vor, Pilotanlagen für das Verfahren zur Herstellung von Kohle aus Bioabfällen (HTC) und zur stofflichen Umwandlung von organischen Reststoffen in Grundchemikalien, die in großem Maßstab gebraucht werden, sowie eine Demonstrationsanlage zur stofflichen CO2-Nutzung auf Grundlage von mikrobiellen Prozessen zu fördern.

Zudem wird die Entwicklung von Konzepten zur Schließung von Stoffkreisläufen, die ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeitskriterien entsprechen und auf Analysen über den gesamten Lebenszyklus beruhen, empfohlen. Chemische Wertschöpfungsketten und Verbundstrukturen sollen gestärkt werden, etwa durch die Förderung von Demonstrationsanlagen zur modularen Produktion nach dem „Baukastenprinzip“ sowie durch die Förderung von Technologiekonzepten, die eine solch modulare und flexible reaktionstechnische Stoffumwandlung, Stofftrennung und Aufarbeitung zusammenführen.

Um die Innovationsfähigkeit der chemischen Industrie auch in ferner Zukunft weiter auszubauen, empfiehlt die Kommission zudem unter anderem die Schaffung eines Lehrstuhls für biomimetische Chemie (Nachahmung natürlicher Prozesse).

Eine Chemie aus Sonne, Wasser, Abfall und Luft ist mittlerweile kein Luftschloss mehr, sofern es uns gelingt, die schöpferischen Potenziale freizusetzen. Auch Überlegungen zur lichtgetriebenen Wasserspaltung (Nutzung von Sonnenenergie für die Spaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff) werden nun in industrieller und öffentlicher finanzierter Forschung stark vorangetrieben und weisen den Weg in eine andere Chemie, eine grüne Chemie der Zukunft.

Hans Christian Markert ist umweltpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen in Nordrhein-Westfalen.

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