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Gastbeitrag Gegen die Mär vom Fachkräftemangel

Die Prognosen helfen sogenannten Experten, setzen Beschäftigte unter Druck und senken das Lohnniveau. Ein Gastbeitrag.

18.05.2015 15:38
Marcel Schütz

Trotz aller Erfolgsmeldungen halten sich dunkle Wolken über den deutschen Unternehmen: Das Klagelied vom Fachkräftemangel, besonders jenes der technischen Berufe, ist überall zu hören. Ohne Unterlass werden die „großen Lücken“ und alle möglichen „Wohlstandsgefahren“ gefürchtet. Wer konnte diesem seit Jahren so dramatisch gezeichneten Schreckensbild noch ausweichen? In immer neuen Varianten wird dem Mantra des Mangels gehuldigt.

Ausgerechnet der wirtschaftsnahe Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft präsentierte jüngst eine Studie, wonach in puncto Fachkräftemangel des Mint-Sektors (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) offenbar vor allem den Klage-Debatten selbst der größte Mangel innewohnt. Was die Studie als Fehleinschätzung offenbart, ist mit weniger geschmeidigen Worten nichts anderes als überfälliger Beleg einer interessengeleiteten Hysterie, die dank großspuriger Phrasengeschütze eine beachtliche Massenmobilisierung erreichen konnte.

Die Behauptung eines gegenwärtigen Fachkräftemangels, eine gefühlte Ewigkeit verlässlicher Gemeinplatz für aufgebauschte Talkrunden und Parteitagsreden, beruht auf Stimmungsmache. Dabei verdient die einhellig gepflegte Mangelpanik deutliche Gegenrede. Beliebig ist die Vielzahl der alle paar Monate aufs neue in Umlauf gebrachten Studien und Verbandsstatistiken, die sich akribischer Überprüfbarkeit entziehen. Hauptübel ist dabei die wilde Rechnerei um den Fachkräftemangel selbst, da das Rechnen weitaus mehr erwünschten Befunden als tatsächlicher Ergebnisoffenheit verpflichtet scheint.

Viele der in sorgfältiger Auftragsforschung und nicht ohne dramaturgisches Feingespür produzierten Studien erscheinen vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet dubios. So werden Zahlen präsentiert, deren Feinwerk für Außenstehende kaum zu durchschauen ist und deren Ermittlung sich höchster Raffinesse verdankt: Selbstauskünfte der Wirtschaft, mithin reine Schätzungen, liefern die Grundlage. Für Forscher ist diese Methode schlicht mangelhaft, da Betriebe Interesse daran haben, den eigenen Bedarf opulent zu kommunizieren um so mit Vitalität zu glänzen. Lagen bisherige Prognosen zwar konsequent daneben, machen die Vertreter keinen Hehl daraus, mit zugespitzten Berechnungen das Gegenteil behaupteter Gefahren erreichen zu wollen. Kurz: Erst wird mit Verve aufgepumpt, um später professionell zu entwarnen.

Äußerst geschickt üben sich die Interessenverbände in der Kunst, fiktive Wohlstandsgefahren gleich direkt mit Marketing für das eigene Klientel zu verbinden. Nüchterne Aufrechnung Tausender arbeitsloser Ingenieure? Nicht relevant, da nicht mehr ganz frisch (das Personal, nicht die Rechnung). Unschärfen dank möglicher Interessenpolitik einzelner Verbandsinstitute? Kein Thema. Aus dem Fantasma Fachkräftemangel ist ein regelrechtes Geschäftsmodell für Arbeitsmarktgurus und so behauptete „Trendexperten“ geworden. Debatten wie jene des Fachkräftemangels passen vorzüglich in eine Arbeitswelt, die von immer mehr Panikmythen und Übertreibung benebelt wird.

Das Defizit der Prognosen besteht in ihren schlicht interessengeleiteten Vorannahmen. Vom Fachkräftemangel wird nahezu ausschließlich als Anpassungsdefizit der Beschäftigten gesprochen: „Qualifikationslücken“, zu wenig Weiterbildung, nicht genügend hochgestapelte Kompetenz-Zertifikate-Berge, die falsche Studienwahl und so weiter. Stets sind es die Be-schäftigten, die den vermeintlich objektiv bestimmten Mangel verkörpern.

Das müsste nicht eben wundern, würde bemerkt, wie nah das erfinderische Statistikwesen bei Interessenvertretern angesiedelt ist. Bei Lichte betrachtet gehört es zum ökonomischen Einmaleins, dass ein mit Fachkräftemythen forciertes Überangebot an qualifiziertem Personal den aus betriebswirtschaftlicher Sicht charmanten Effekt der Lohnniveausenkung zeitigt. Mehr Auswahl an Absolventen führt auch zu mehr Strenge der Selektion, die ein wesentliches Motiv für die Kampagne darstellt. Diese Entwicklung macht sich in Teilen der akademisch-technischen Berufe mit dem Abschmelzen attraktiver Vergütungskonditionen bemerkbar. Junge Ingenieure werden längst nicht in allen Berufs-zweigen und Branchen mit Kusshand empfangen, sondern müssen häufiger auch auf „zweitklassige“ Behandlung gefasst sein.

Nur am Rande werden kleinere Probleme der betrieblichen Personalpolitik aufs Tapet gebracht. Dabei wäre an jener Kritik geboten: Etwa an den zweifelhaften Vorlieben für abgehobene Stellenausschreibungen und fingierte Anforderungsprofile, ganz zu schweigen von dubiosen Auswahlverfahren und penetranter Optimierungsrhetorik. Solches Hochschaukeln kommt wenig bis gar nicht zur Sprache. Wer sich veranlasst sieht, den großen Mangel zu predigen, kümmert sich am liebsten um jenen der anderen. Ein wahrlich erfolgreiches Blendwerk.

Unbestritten kann es zeitweise immer wieder zu einem punktuellen, örtlich und zeitlich begrenzten Mangel an Fachpersonal bestimmter Branchen und Berufsfelder kommen. Dieser ist zu allen Zeiten völlig normal und gibt keinen Anlass für Panik. In hochdynamischen und sehr speziali-siert geprägten Arbeitsgebieten ist die erschwerte Personalgewinnung üblich. Von einem flächendeckenden und strukturbildenden Fachkräftemangel kann jedoch nicht die Rede sein. Der wachsende Zweifel am Mangel-Mantra trägt zur dringend gebotenen Versachlichung einer weithin tendenziösen Debatte bei.

Marcel Schütz ist Gastforscher an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg.

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