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Gastbeitrag Für eine bessere und sozialere Familienförderung

Schule und Kita müssen sich zu sozialen Orten für alle Kinder, für Mütter, Väter und Angehörige entwickeln. Ein Gastbeitrag.

08.11.2016 17:51
Franziska Brantner, Sven Lehmann

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hat sich in der FR für eine partnerschaftliche Aufteilung der Familienarbeit starkgemacht. Damit das keine Theorie bleibt, benötigen Familien aber mehr Unterstützung als bisher. „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Kinder brauchen soziale Beziehungen außerhalb der eigenen Familie, aber auch Eltern brauchen ein Umfeld – für Rat oder Unterstützung. Dies aber nicht als Bittsteller; schließlich möchte doch das ganze Dorf seinen Kindern die besten Bedingungen ermöglichen.

Familie ist ein wesentlicher Beziehungs- und Bildungsort für Kinder. Familien wollen wir daher stärken. Ihre Bedürfnisse sind (genau)so vielfältig wie die Familien selbst. Manche brauchen Kurse zur Vorbereitung auf die Geburt und Hebammen-Begleitung danach, manche unmittelbare Betreuungsangebote, um Kind und Beruf miteinander vereinbaren zu können. Andere wieder brauchen für genau dieses Vereinbarkeits-Management Beratung in Stressabbau. Manche wollen Ernährungsberatung, andere in finanziellen Fragen, wieder andere ein Netzwerk aus Wahlverwandtschaften, wenn nahe Angehörige mal nicht einspringen können.

Vor Ort gibt es dafür meist ein Netz von Unterstützung: von Elternkursen über Beratungsstellen bis zu gesundheitlichen Diensten. Was aber, wenn diese Angebote Eltern, die sie brauchen, nicht erreichen? Was, wenn unsere Familienunterstützung eine soziale Schieflage hat? Wenn die Zugänge zu eng und schwierig sind?

Im Rahmen der Evaluierung des Bundeskinderschutzgesetzes wurde eine Befragung zu Angeboten der Hilfen für Eltern von Babys und Kleinkindern durchgeführt. Auffällig ist, dass „primärpräventive“ Angebote, also jene, die sich an alle Familien richten, vor allem die höhergebildeten Familien erreichen. Doppelt so häufig wie weniger gebildete Familien nehmen sie beispielsweise die Hebammenhilfe vor und nach der Geburt in Anspruch. Mit zunehmender Bildung nimmt die Kenntnis über und die Inanspruchnahme von Geburtsvorbereitungskursen, Hebammenhilfe und Eltern-Kind-Gruppen zu. Bei medizinischen Angeboten, Sport-, Freizeit- und Gruppenangeboten wird diese Differenz sogar noch deutlicher. „Sekundärpräventive“ Angebote, die eher bei spezifischen Problemen relevant werden, wie Schwangerschaftsberatung, Familien- und Erziehungsberatungsstellen oder Familienhebammen, werden häufiger von bildungsbenachteiligten Familien in Anspruch genommen.

Laut einer Studie der Arbeiterwohlfahrt (AWO) über Programme zur Eltern- und Familienbildung richtet sich die Mehrzahl der Familienbildungsangebote an die „ideale“ benachteiligte Familie: jung, mit kleinen Kindern und ausreichend Zeit, um Angebote wahrzunehmen. Von den untersuchten Angeboten sind solche am erfolgreichsten, die in Form von Festen, Ausflügen oder Veranstaltungen im Haus stattfinden. Eine direkte Ansprache wirkt kaum überraschend besser als jeder Flyer. Außerdem zeigt die Studie eine Lücke auf: Es fehlen flächendeckende Angebote für Familien, die sich aufgrund ihrer deutlich zu hohen Arbeits- und Stressbelastung überfordert fühlen. Angebote, die zu einer Verbesserung ihrer Zeitressourcen führen oder Hilfen, die Stressabbau fördern, fehlen häufig oder sind nicht im Rahmen der Familienhilfen angesiedelt.

Es geht also einerseits darum, primärpräventive Angebote so auszurichten, dass sie wirklich alle Eltern erreichen und andererseits, Angebote zu erweitern oder Bestehende explizit im Rahmen der Familienstärkung anzubieten. Außerdem müsste das Hilfenetz über das Kleinkindalter hinaus gewährleistet sein. Was also tun?

Wir plädieren für einen flächendeckenden Auf- und Ausbau von Familienzentren. Angebote für die Eltern wie Familienbildungsarbeit, Sprachkurse, Gesundheits-, Ernährungs- oder Schuldnerberatung, mobile Beratung durch Jobcenter sollen da andocken, wo Kinder sind, also vor allem in Tageseinrichtungen und Schulen. Je näher Angebote am direkten Betreuungs- oder Schulumfeld des Kindes angebunden sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern sie auch wahrnehmen.

Die Zusammenarbeit mit Fachgebieten, die für die Familienförderung ebenfalls relevant sind wie Gesundheit oder Berufsförderung, muss gestärkt und so weit wie möglich integriert werden; daneben gilt es, sie um etwaig fehlende Angebote zum Beispiel zum Umgang mit Stress zu ergänzen. Das ist eine neue Aufgabe und Verantwortung für Kita und Schule. Während vielerorts sich Kitas schon auf den Weg gemacht haben, braucht es vor allem an Schulen noch eine stärkere Öffnung. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an Schulen sind oft ein erster Schritt in diese Richtung. Neue Verantwortung bedeutet auch eine Aufwertung der Berufe, die sich in verbesserten Rahmenbedingungen wie Fortbildungen oder Coaching, aber auch in höheren Gehältern niederschlagen muss.

Ein solcher Schritt verlangt ein Umdenken. Nicht die Eltern haben eine Holschuld, sondern die Gemeinschaft eine Bringschuld. Schule und Kita müssen sich zu sozialen Orten für alle Kinder, für Mütter, Väter und Angehörige entwickeln. Das heißt, sie werden ungeachtet ihrer Ressourcen und familiären Hintergründe willkommen geheißen, angehört, informiert und beraten. Solche dezentralen Orte wären Orte der Solidarität und der Chancen. Einige Bundesländer haben bereits vorgelegt – ziehen wir bundesweit nach!

Franziska Brantner sitzt für die Grünen im Bundestag. Die 37-Jährige ist Kinder- und Familienpolitische Sprecherin.
Sven Lehmann (36 Jahre) Vorsitzender der Grünen in Nordrhein-Westfalen.

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