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Gastbeitrag Eine Chance für junge Europäer

Die Jugendarbeitslosigkeit verlangt nach einem neuen Anlauf bei der Ausbildung. Unser Vorschlag: das Projekt „Erasmus Pro“. Ein Gastbeitrag.

14.05.2015 13:55
Von Jacques Delors

Die Situation zahlreicher junger Europäer ist alarmierend. Fünf Millionen sind auf der Suche nach einer Arbeitsstelle, das heißt jeder vierte Jugendliche im erwerbsfähigen Alter. In einigen Ländern betrifft das Problem sogar jeden zweiten Jugendlichen. Das Drama einer verlorenen Generation zeichnet sich ab.

Die Bilanz der bisher ergriffenen Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Situation ist mehr als enttäuschend. Die meisten unterstützen bereits existierende Initiativen, die exklusiv national bleiben. Dies ist beispielsweise der Fall bei der „Jugendgarantie“ und den 6,4 Milliarden Euro, die für den Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit beschlossen wurden. Andere Aktionen sollen die Mobilität fördern wie „Dein erster Eures-Arbeitsplatz“. Diese Bewegung geht zwar in die richtige Richtung, ist aber viel zu unbedeutend und aufgrund ihrer Bescheidenheit sowie ihrer Mechanismen sicher nicht geeignet, die Jugendarbeitslosigkeit entscheidend zu beeinflussen.

Transeuropäische Mobilität steht jedoch im Mittelpunkt der Politik der Europäischen Union. Dank des Programms Erasmus haben seit 1987 mehr als drei Millionen Studenten einen Teil ihres Studiums an einer Universität eines anderen Mitgliedstaates absolviert. Was Europa für seine Studenten gelungen ist, kann und muss es heute für die weniger qualifizierten Jugendlichen in die Wege leiten, die am stärksten von der Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die Mobilität kann einen Impuls für eine bessere Qualifikation und den Zugang der Jugendlichen zur Beschäftigung geben.

Wir schlagen den europäischen Staats- und Regierungschefs vor, dringend ein neues berufsorientiertes Mobilitätsprogramm – Erasmus Pro – einzurichten, das es einer Million junger Europäer bis 2020 ermöglichen wird, eine Berufsqualifikation in einem anderen europäischen Land zu erlangen.

Die Jugendlichen würden von einem Ausbildungszentrum und einem Unternehmen des Gastlandes für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren empfangen. Diese Initiative würde die notwendigen nationalen Reformen ergänzen, die gerade in Ländern im Süden Europas Ausbildungsberufe fördern sollten. Das Programm muss schnell, einfach und direkt umgesetzt werden und bei den Jugendlichen den Wunsch hervorrufen, zu dieser „Million“ von mobilen jungen Auszubildenden zu gehören. Es ist unerlässlich, dass sich auch die Unternehmen von dieser Dynamik leiten lassen.

Das Programm Erasmus Pro muss Jugendlichen, die eine Ausbildung in einem anderen Land absolvieren möchten, Folgendes bieten: 1) den Zugang zu den in der EU verfügbaren Angeboten (dank des Eures-Netzes und der nationalen Arbeitsagenturen); 2) die Deckung der Mobilitätskosten und der Kosten der Sprachausbildung und 3) eine Begleitung im Gastland. Um den Unternehmen einen Anreiz zu geben, sich in diesem grenzüberschreitenden Qualifikationsprogramm zu engagieren, muss das Programm Erasmus Pro außerdem eine Beteiligung am Lohn vorsehen, der dem europäischen Auszubildenden gezahlt wird.

Die Umsetzung dieses Programms würde für die EU monatliche Kosten pro Jugendlichem in Höhe von 800 Euro bedeuten (je nach Lebensstandard und Vergütung der Auszubildenden in den verschiedenen europäischen Regionen), die zwischen der Beihilfe für den Jugendlichen und dem finanziellen Anreiz für das Unternehmen zu verteilen wären. Um 200 000 Jugendlichen pro Jahr zu ermöglichen, an dieser Berufsqualifikation in einem anderen Mitgliedstaat teilzunehmen, müsste die EU daher ein jährliches Budget in Höhe von ungefähr fünf Milliarden Euro aufbringen. Diese finanziellen Anstrengungen sind für die EU durchaus umsetzbar.

Die Kosten der Aktion müssen außerdem gegen die Kosten einer Untätigkeit aufgewogen werden: Eine kürzlich durchgeführte Studie hat ergeben, dass sich die Kosten für arbeitslose Jugendliche in der EU, die weder ein Studium noch eine Ausbildung absolvieren, im Jahr 2011 schätzungsweise auf mehr als 150 Milliarden Euro beliefen. Zu diesen Verlusten kommen die Kosten für mittel-/langfristige Arbeitslosigkeit hinzu, sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft.

Erasmus Pro bietet der Gemeinschaft zahlreiche Vorteile. Die Jugendarbeitslosigkeit sinkt, das europäische Humankapital wird aufgewertet und die europäische Integration verbessert. Jedes Land würde von seinen jungen „Erasmus Pro“-Absolventen profitieren, die mit einer Berufsausbildung, Fremdsprachenkenntnissen und einer europäischen Kultur in ihre Heimat zurückkehren. Um diese zirkuläre Mobilität der jungen Menschen zu garantieren, muss die EU in zwei Bereichen erhebliche Fortschritte machen: erstens bei der Übertragbarkeit der Sozialansprüche und zweitens im Bereich der gegenseitigen Anerkennung der Diplome und Qualifikationen, sei es de jure oder de facto. Der junge europäische Auszubildende muss eine Garantie dafür haben, dass seine Qualifizierung in der ganzen EU anerkannt wird.

Der Ernst der Lage erfordert schnelles Handeln und einen Konsens auf höchster Ebene der europäischen Institutionen. Bei herausragenden historistischen Ereignissen hat die EU bereits gezeigt, dass sie in der Lage ist, schnell zu handeln und die für außerordentliche Vorgehensweisen unerlässlichen Mittel bereitzustellen. In einer solchen Situation befinden wir uns heute. Die verlorene Generation wird nicht ewig warten.

Jacques Delors war von 1985 bis 1995 Präsident der EG-(heute EU-)Kommission. Sein Aufruf wurde unter anderem unterzeichnet vom ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta sowie Ex-Handelskommissar Pascal Lamy und dem Direktor des Jacques-Delors-Instituts in Berlin, Henrik Enderlein. Der Text erscheint zeitgleich in „Le Monde“ und „The Guardian“.

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