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Gastbeitrag Eine Blamage für die Wissenschaft

Tradierte Forscher hielten den Erfolg des Mindestlohns nicht für möglich. Das spricht für mehr Pluralität an den Universitäten.

Zum 1.1.2019 soll der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland auf 9,19 Euro erhöht werden. So hat es die Bundesregierung im Oktober beschlossen. Diese Steigerung von gegenwärtig 8,84 Euro folgt den allgemeinen Tariferhöhungen und verhindert damit, dass der Mindestlohn relativ zu den unteren Tariflöhnen absinkt. Damit ist sie weit von der weiteren relativen Anhebung der Löhne am unteren Ende der Lohnskala entfernt, die eine von führenden Sozialdemokraten geforderte Steigerung auf 12 Euro bedeuten müsste.

Und doch ist die beschlossene Steigerung des Mindestlohns bemerkenswert, denn sie erfolgt nach gründlicher wissenschaftlicher Begleitforschung – so sieht es das Mindestlohngesetz vor. Damit sollte ermöglicht werden, dass eine Senkung oder gar Aufhebung des Mindestlohns erfolgen könnte, wenn sich die allenthalben von der deutschen Arbeitsmarktforschung erwarteten Beschäftigungsverluste in massiver Höhe eingestellt hätten.

Wären also jene bis eine Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen, die die verschiedenen Studien der großen Wirtschaftsforschungsinstitute unter Zugrundelegung unterschiedlicher Annahmen prognostizierten, dann hätte die Mindestlohnkommission die Reißleine ziehen und das Experiment Mindestlohn beenden müssen.

Doch weit gefehlt: Die Beschäftigung ist seit 2015 weiter gestiegen und selbst unter Berücksichtigung der allgemein günstigen Konjunktur konnte die Begleitforschung keine Beschäftigungsverluste ausmachen. Zwar ist die Anzahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse (etwa Minijobs) zurückgegangen, gleichzeitig aber die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs fast in gleichem Maße gestiegen.

Die ganz wenigen Stimmen in der deutschen Wirtschaftswissenschaft, die die Einführung eines Mindestlohns unterstützten, plädierten 2015 entweder für einen deutlich geringeren Mindestlohn als 8,50 Euro pro Stunde. Oder sie konnten ihre Unterstützung nur mit den empirischen Ergebnissen der internationalen Mindestlohnforschung begründen.

Diese hatte längst belegt, dass die Jobverluste, die die tradierte Arbeitsmarktforschung auf Grundlage ihrer theoretischen Modelle nun einmal erwarten muss, unrealistisch sind. Aufgrund des Fehlens einer überzeugenden Begründung dieser empirischen Resultate wurde ihre Unterstützung im Reigen der breiten Ablehnung aber kaum gehört.

Wenn der Mindestlohn dennoch eingeführt wurde, dann nicht als Folge einer hilfreichen wissenschaftlichen Beratung, sondern aufgrund der Profilierungsnotwendigkeit der Sozialdemokraten in der schier erdrückenden großen Koalition. Gewöhnlich ist es keine gute Grundlage für gemeinwohlorientierte politische Projekte, sie gegen wissenschaftlichen Rat durchzusetzen, nur um das Profil einer Regierungspartei schärfen zu wollen – und doch hat es sich zumindest für hunderttausende von Geringverdienern als Segen herausgestellt, dass die Politik in diesem Fall nicht auf die Wissenschaft hörte.

Für die tradierte Wirtschaftswissenschaft ist die Einführung des Mindestlohnes ein wissenschaftliches Waterloo. Sie hat nicht nur keine Erklärung dafür, weshalb die Prognosen ihrer Modelle derart weit neben der Realität liegen. Sie ist in ihrem analytischen Kern erschüttert: Wenn einer der grundlegenden Beziehungen ihrer theoretischen Analysen – der Zusammenhang von Preisen und Mengen – nicht in der von ihr postulierten Weise gilt, was darf man denn sonst von den theoretischen Herleitungen ihrer Modelle als wissenschaftliche Erkenntnis akzeptieren?

Es dürfte interessant werden, wie die deutsche Arbeitsmarktforschung mit ihrem kompletten Versagen in der Mindestlohndebatte umgeht – bislang verhält sie sich nach dem Motto: ‚Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?‘

Zumindest der öffentlich geförderten Wirtschaftswissenschaft an den Universitäten, in den großen Wirtschaftsforschungsinstituten und dem Sachverständigenrat darf man dies nicht durchgehen lassen. Hier ist Selbstkritik gefordert und zumindest die weitere öffentliche Finanzierung der großen Forschungsinstitute muss künftig daran gebunden werden, eine breitere Erklärungsvielfalt – Pluralismus – sicherzustellen.

Denn eines ist sicher: Es gibt wissenschaftliche Ansätze, die die geringen Beschäftigungseffekte von Mindestlöhnen konsistent erklären können. Doch werden diese vom dominanten neoklassischen Mainstream gegenwärtig in eine Nische gedrängt, die ihnen kaum Aufmerksamkeit und geringe wirtschaftspolitische Einflussmöglichkeiten erlaubt. Diese Einschränkung der wissenschaftlichen Pluralität schädigt die gesellschaftliche Wohlfahrt.

Arne Heise ist Professor am Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS) der Universität Hamburg.

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