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Gastbeitrag Ein Test nur für Schwangere mit Geld?

Die Blutuntersuchung auf Trisomie 21 ist schonender als andere Verfahren. Verboten ist sie auch nicht. Warum soll die Kasse nicht dafür bezahlen?

Worum geht es? Seit 2012 ist in Deutschland ein Test zugelassen, mit dem das Blut einer Schwangeren auf mögliche Veränderungen im Erbgut des Embryos untersucht wird. Möglich ist das, da im Blut der werdenden Mutter bereits in einem frühen Schwangerschaftsstadium DNA-Spuren des Kindes auffindbar sind.

Da dieser Test selbst bezahlt werden muss, geht es jetzt darum, ob und unter welchen Voraussetzungen er von der Krankenversicherung bezahlt wird. Das heißt: Können auch Frauen, die nicht aus eigener Tasche 200 bis 400 Euro bezahlen können, diesen Test in Anspruch nehmen? 

Diese Frage wird üblicherweise vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) als höchstem Gremium der medizinischen Selbstverwaltung in Deutschland beantwortet. Der GBA prüft, ob ein neues Verfahren, eine neue Untersuchung oder ein neues Medikament von den Krankenkassen bezahlt wird oder nicht. 

Bislang haben Frauen ab 35 Jahren gegenüber den Krankenkassen den Anspruch auf Finanzierung einer Fruchtwasseruntersuchung, nicht aber Anspruch auf den pränatalen Bluttest. 

Es geht also nicht darum, ob dieses Verfahren generell erlaubt wird. Der Test ist seit 2012 zugelassen, aber eben ausschließlich für Selbstzahlerinnen. Die Frage, ob das Verfahren in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen werden sollte, ist daher eine soziale, keine ethische Frage. Wer eine andere Debatte möchte, eine generelle Debatte zum Thema Abtreibung und pränatale Tests, sollte dies auch so benennen. 

Ich versuche hier, die Fakten darzustellen:

Es handelt sich bei dem pränatalen Bluttest um ein nicht-invasives diagnostisches Testverfahren, das schon ab der neunten Schwangerschaftswoche angewandt wird und bei dem das Blut der schwangeren Frau unter anderem auf Trisomie 21 (Down-Syndrom) untersucht wird. Dieser Test wird als zu 99 Prozent gleichwertig mit bisherigen Verfahren bewertet. Diese Zuverlässigkeit wurde vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) ermittelt und bestätigt. 

Dieser Test bietet also bei einer Risikoschwangerschaft genauso sicher, aber früher und einfacher Gewissheit. Andere nicht-invasive Verfahren wie der Nackentransparent-Test sind erst später möglich und machen bei Verdacht weitere Untersuchungen notwendig. Invasive Verfahren, also Eingriffe in den Körper der Frau wie die Fruchtwasseruntersuchung, werden erst ab der 14. Schwangerschaftswoche durchgeführt. Die Nabelschnurpunktion wird ab der 18. Schwangerschaftswoche angewandt. Beide Tests haben ein relativ hohes Fehlgeburtsrisiko. Diese Tests werden nur dann von der Krankenversicherung finanziert, wenn es sich um eine Risikoschwangerschaft handelt, sie werden aber auch als Selbstzahlerinnenleistung angeboten.

In der Schweiz wird der pränatale Bluttest für Schwangere mit erhöhtem Risiko seit 2015 von der Krankenversicherung bezahlt, in den USA und Kanada seit 2013, andere europäische Staaten prüfen.

Kritikerinnen und Kritiker glauben, dass es mit dem pränatalen Bluttest als Kassenleistung zum Dammbruch für den „Menschen nach Maß“ komme. Die Gefahr der selektiven Verhinderung von Schwangerschaften wird im Zusammenhang mit dem Paragrafen 218a Strafgesetzbuch, der die Abtreibung rechtlich regelt, schon immer diskutiert und wird bislang nicht bestätigt.

Kritikerinnen und Kritiker führen auch immer den gesellschaftlichen Druck an, der angeblich auf Frauen ausgeübt werde, während der Schwangerschaft alle verfügbaren medizinischen Tests in Anspruch zu nehmen. Auch diese Debatte ist nicht neu und geht immer noch davon aus, dass Frauen generell nicht eigenverantwortlich und selbstbestimmt handeln. Das ist ein Argument, das mit nichts belegt werden kann, denn Frauen können sich bewusst entscheiden, keinen Test machen zu lassen. Und sie tun es auch.

Befürworter und Befürworterinnen des Bluttests wie ich finden es schlicht mit nichts zu rechtfertigen, dass nur die, die es sich für 200 bis 400 Euro leisten können, diesen Test früh anwenden können. Alle anderen müssen risikobehaftete invasive Methoden zu einem viel späteren Zeitpunkt der Schwangerschaft durchführen lassen und tragen somit ein höheres Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden.

Außerdem verbessert ein frühes Wissen über die Chromosomenabweichung des Kindes für Mutter und Kind die psychosoziale und medizinische Betreuung während der Schwangerschaft. 
Und nochmals: Frauen entscheiden, ob sie sich testen lassen oder nicht und auch darüber, was nach einem auffälligen Befund passiert. Eine andere Debatte sollten wir Frauen uns nicht aufzwingen lassen.

Hilde Mattheis ist in der  SPD-Bundestagsfraktion  Berichterstatterin für  Pränataldiagnostik. 

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