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Gastbeitrag Ein Prozent Wachstum reicht

Weniger muss mehr sein. Sonst wird die Menschheit weiter mehr Ressourcen verbrauchen als nachwächst. Aber wie soll das gehen?

Natur
Die Ressourcen der Erde schwinden. Foto: dpa

Die Vorhänge des Weltwirtschaftsgipfels Davos sind gefallen, das Bühnenlicht ist abgeschaltet. Auch wenn die Themenpalette breit war, ging es auf den Podien vor allem um die Frage, wie die Eliten ihre wirtschaftlichen Besitzstände gegenseitig abstecken und voreinander und vor der Masse der Bevölkerung sichern.

Wie sonst sollte man deuten, dass Wachstumskritiker oder zivilgesellschaftliche Organisationen nicht geladen waren, dass die Fragen, die nicht einmal mehr die der Zukunft, sondern zunehmend die der Gegenwart sind, durch die Entscheidungsträger ungestellt blieben: Wie lange noch können wir uns ein Wirtschaftssystem leisten, das mehr produziert als gebraucht wird, mehr verbraucht als vorhanden ist, das zu Umweltzerstörung, Klimawandel und damit fortschreitender Ungleichheit und Armut führt?

Plastisch vor Augen geführt wird uns dies am Earth Overshoot Day. Von diesem Tag an, so das Global Footprint Network, stehen rechnerisch für das laufende Jahr keine erneuerbaren Rohstoffe mehr zur Verfügung. In 2017 lag dieser Tag am 2. August. Die Menge an regenerativen Ressourcen, die der Planet jährlich bilden kann, war verbraucht. Danach folgte Substanzverzehr bis Silvester. Wir vergrößerten täglich das Defizit. Dazu kommt, dass wir unsere Ressourcen immer schneller verbrauchen: Im Jahr 2010 lag der Overshoot Day noch am 21. August.

Angesichts dessen ist es existenziell zu diskutieren, wie sich stetig wachsende Ökonomien zu schrumpfenden Rohstoffressourcen verhalten. In den 80er Jahren wurde von einem Wirtschaftswachstum von mindestens 2,5 Prozent jährlich ausgegangen, um die aus Produktivitätssteigerungen resultierenden Beschäftigungs- und damit Einkommensverluste auszugleichen.

Dies hätte alle 28 Jahre eine Halbierung des Ressourcenverbrauchs bedeutet – schon damals eine ökologische und soziale Katastrophe. Folglich stellte man sich die Frage, ob es ökologisch nachhaltiges Wachstum durch eine höhere Ressourceneffizienz geben kann. Die fortschreitende Umweltgesetzgebung und Beschäftigungszuwächse in der „Green economy“ führten dazu, dass dies bis heute oft positiv beantwortet wird.

Hier sind massive Zweifel angebracht: Sollten bei 2,5 Prozent Wachstum jene Minderungsziele erfüllt werden, die beim Verbrauch von Rohstoffen und bei Emissionen als ökologisch erachtet werden – Einsparungen bis 2050 um 80 bis 90 Prozent gegenüber 1990 –, so wären die Verbräuche der Industriestaaten auf bis zu ein Siebenunddreißigstel zu senken! Eine derartige Dematerialisierung der Produktion erscheint unrealistisch. Selbst erneuerbare Energien saugen, obgleich sie fossile Rohstoffe sparen, Erze und Seltene Erden von den Rohstoffmärkten. In einer Onshore-Windanlage stecken beispielsweise acht Tonnen Kupfer. Für Offshoreanlagen werden gar 30 Tonnen veranschlagt.

Heute wird in der Bundesrepublik von notwendigen Wachstumsraten von 1,5 bis zwei Prozent ausgegangen – der absolute Zuwachs an Sozialprodukt bleibt jedoch in ähnlichem Umfang. Reales Wirtschaftswachstum zieht eben immer ein Mehr an Nachfrage und einen höheren Rohstoffverbrauch nach sich. Letzterer kann zwar durch eine bessere Rohstoffeffizienz verlangsamt, aber nur zeitweilig gestoppt oder umgekehrt werden.

Wenn wir also das Ziel der Nachhaltigkeit ernst nehmen, bleibt uns vor allem der Abschied von der Ideologie des immer währenden Wachstums in den Industriestaaten durch Regulierung. Doch am Wachstum hängt nach herkömmlicher Meinung gesellschaftlicher und individueller Wohlstand.

Wie also Einkommen und Arbeitsplätze sichern? Dies haben die Autoren Graeme Maxton und Jorgen Randers der Studie „Ein Prozent ist genug“ für den Club of Rome bereits 2016 beantwortet: Durch Umverteilung bei Einkommen, Vermögen und Arbeit. Sie schlagen richtige Maßnahmen wie die Arbeitszeitverkürzung, die Einführung eines Grundeinkommens für das einkommensschwache Drittel der Bevölkerung, die Beschränkung des Außenhandels oder die Erhöhung der Erbschaftsteuer sowie der Steuern für Reiche und Unternehmen vor.

Damit soll einerseits die, trotz Wachstums, gestiegene Ungleichheit abgewendet werden. Andererseits wird dafür gesorgt, dass bei der Begrenzung des Wachstums für die breite Bevölkerung Arbeit und Einkommen – und damit die Lebensgrundlagen – gesichert bleiben. Damit rückt die soziale Dimension der ökologischen Frage in den Fokus – auch dies existenziell, wenn künftige Generationen eine Welt ohne Schulden an der Natur erben sollen.

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