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Gastbeitrag Ein Meer aus Plastik

Der Zufluss von Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere muss gestoppt werden. Sonst ist bald mehr Plastik als Fisch im Wasser - ein Gastbeitrag.

Plastik
Plastikteile im Meer sind für viele Tiere tödlich. Foto: Jennifer Lavers (Jennifer Lavers/AP)

Plastikmüll in den Ozeanen wird in Deutschland noch vor Klimawandel und Waldzerstörung als größte Bedrohung für die Umwelt wahrgenommen. Das sagt zumindest eine kürzlich veröffentlichte Studie des Umweltbundesamtes.

Die Sorge hat ihren Grund. Ob an Stränden, auf einsamen Atollen oder aus Mägen von toten Walen. Überall quellen uns die Hinterlassenschaften unserer Konsumgesellschaft entgegen. Jedes Jahr landen bis 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren. Die Folgen: Wale und Meeresschildkröten verheddern sich in Netzen, Seevögel fressen Plastikteile auf und verhungern daran. Dass sich bis 2050 mehr Plastik als Fisch in den Meeren befinden und fast jeder Meeresvogel Plastik im Magen haben wird, gehört zu den oft zitierten Kenngrößen dieses Dramas.

Es kursieren spektakuläre Lösungsansätze: Der Holländer Boyan Slat will im nächsten Jahr damit beginnen, mit einer riesigen Netzanlage Müll aus dem Pazifik zu fischen. Neu entdeckte plastikfressende Mikroben oder Würmer werden als Lösung des Problems diskutiert. Jede aus dem Meer gefischte oder am Strand eingesammelte Tonne Plastikmüll ist ein wichtiger Beitrag zur Reinhaltung von Meeren und Küsten. Es gibt aber andere Lösungsoptionen, die deutlich trivialer sind.

Plastik ist ein Stoff, der sich in der Umwelt nicht von selbst zersetzt. Mittlerweile werden 322 Millionen Tonnen pro Jahr hergestellt. Ironischerweise geschieht dies oft für kurzlebige Anwendungen wie Verpackungen. Rund ein Drittel davon wird nach Gebrauch weder deponiert, oder verbrannt und schon gar nicht recycelt, sondern gelangt unkontrolliert in die Umwelt.

Während wir in Deutschland gelernt haben, unseren Abfall säuberlich in die verschiedenen Tonnen zu platzieren, wird in vielen Ländern der Müll nicht einmal richtig eingesammelt. Drei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu einer kontrollierten Müllentsorgung. Brisant entwickelt sich die Situation in Südostasien, weil dort mit steigendem Konsum und Verwendung von Plastikverpackungen die Entwicklung von Abfallmanagementsystemen nicht Schritt halten. Daher kommt der meiste Plastikmüll in den Meeren auch aus den Ländern dieser Region.

Neben Vermeidungsmaßnahmen wie dem Verbot von Plastiktüten könnten eine funktionierende Müllabfuhr und Recyclingwirtschaft das Abfischen von Plastikmüll irgendwann überflüssig machen. Doch Abfallmanagement und Kreislaufwirtschaft müssten erst aufgebaut werden. Dies scheitert meist an einer unzureichenden Finanzierung für die notwendigen Investitionen und die laufenden Kosten.

Die Verursacher bleiben unbehelligt

In Deutschland müssen sich die Konsumgüterwirtschaft und der Handel an den Entsorgungskosten beteiligen und Lizenzabgaben für Verpackungen zur Finanzierung der Entsorgung über die Dualen Systeme zahlen. Auch wenn über das System kontrovers gestritten wird, eines ist doch bemerkenswert: Die Wirtschaft beteiligt sich an den verursachten Entsorgungskosten.

Das ist nicht selbstverständlich, denn dieser Aspekt der „Erweiterten Produktverantwortung“ wird in den meisten Ländern gar nicht umgesetzt. Verpackte Produkte werden verkauft, um die Entsorgung des Verpackungsmülls sollen sich andere kümmern. So bleiben die Mitverursacher der Vermüllung unbehelligt, während andere Branchen wie Tourismus oder Schifffahrt für die entstehenden, in die Hunderte Millionen gehenden Schäden aufkommen müssen. Von den vielfach sichtbaren Umweltschäden ganz zu schweigen.

Darum müssen aus Sicht des WWF Firmen, die Plastik und Verpackungen herstellen oder in Verkehr bringen, an den Entsorgungskosten beteiligt werden. Und dies weltweit. Das deutsche Modell kann Vorbild sein, muss es aber nicht. Eine Entsorgungs- und Kreislaufwirtschaft auf eine gesunde finanzielle Basis zu stellen, kann auch einem anderen Mix aus Instrumenten wie Abgaben oder Einrichtung von Pfandsystemen geschehen. Aber die verursachende Industrie muss sich beteiligen. Finanzierung und Aufbau einer Kreislaufwirtschaft bedeuten auch wirtschaftliche Vorteile und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Statt im Magen einer Möwe zu landen, können aus Plastikteilen wieder andere Produkte entstehen.

Essentiell sind die Gestaltung eines internationalen politischen Rahmens und gesetzliche Regelungen auf nationaler Ebene. Unternehmen brauchen faire und für alle gleichwertig gültige Bestimmungen. Eine globale Konvention wäre hier die richtige Maßnahme. Ob auf der bevorstehenden UN-Meeres-Konferenz in New York, dem G20-Gipfel in Hamburg oder weiteren internationalen Treffen: Hier sollte ein Prozess zur Behebung des unterfinanzierten Abfallmanagements in Gang gesetzt werden, der den konstanten Zufluss von Plastikmüll in die Meere stoppt.

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