Lade Inhalte...

Gastbeitrag Ein Land findet sich selbst

Einige wenige Auslöser genügten, um die Stimmung bei vielen zu wenden. Aber das gilt noch lange nicht für alle.

10.09.2015 14:51
Stephan Grünewald

In der Flüchtlingskrise vollzieht sich bei den Deutschen derzeit ein deutlicher Stimmungswandel. Lange Zeit hatte sich das Land in einem Zustand permanenter Gegenwart eingerichtet. Als Fußball- oder Exportweltmeister genoss die Republik die Tatsache, eines der letzten Paradiese in der Welt zu sein. Das sollte so bleiben. Es galt, mit Merkelscher Mütterlichkeit den Status quo zu sichern. Denn die Zukunft konnte ja doch nur schlimmer werden.

In diesem Sinne wirkte Deutschland im Frühjahr noch wie ein Land, das sich trotz vieler Willkommens-Initiativen am liebsten abzuschotten sucht. Pegida, Fremdenfeindlichkeit und Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte bestimmten die Nachrichten. Jetzt erleben wir zwar immer noch hasserfüllte Verbalattacken im Internet und verstörende Gewalt. Vor allem und in weit überwiegendem Maß aber beeindruckt Deutschland mit Fürsorge, die Tatkraft mit Herzlichkeit verbindet – ein neues Sommermärchen hat begonnen.

Vor allem drei Momente stehen für diesen Wandel. Erstens die Tränen der Rührung von „heute journal“-Moderator Klaus Kleber, die Hunderttausende Male auf Youtube angeklickt wurden. Als Repräsentant des öffentlich-rechtlichen Deutschlands gab Kleber die coole Abschottung auf, ließ sich von einer kleinen Geste anrühren: Ein Busfahrer in Bayern griff zum Mikrofon und hieß mitfahrende Flüchtlinge in seiner schönen Heimat willkommen.

Dieser Gruß rief erneut den Einklang von Heimatliebe und Gastfreundschaft auf, den Deutschland zur WM 2006 der staunenden Welt vorgeführt hatte. Manchmal sind es gerade die kleinen Gesten, die den Menschen eine andere Perspektive im Umgang eröffnen. Und auf einmal sind viele stolz darauf, wie herzlich die Menschen in Deutschland doch sein können.

Zweitens war es wichtig und überfällig, dass Angela Merkel klar Stellung bezog. Das Schweigen der Kanzlerin zu den drängenden Problemen hatte eine Leerstelle entstehen lassen, die mit diffusen Ängsten, Vorurteilen und Horrorszenarien samt daraus abgeleiteten Übersprungshandlungen gefüllt wurde. Führung heißt, den Menschen eine Perspektive dessen zu geben, was auf sie zukommt, und zugleich die Zuversicht zu vermitteln, dass schwierige Aufgaben mit Einsatz und Opferbereitschaft zu meistern sind. Ihre Botschaft „Wir schaffen das“ und die Ergänzung „Wer, wenn nicht wir“ appellieren an den Ehrgeiz eines starken Landes, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.

Merkel betont zudem zu Recht, dass die Flüchtlinge sogar eine Stärkung unserer Kultur und Identität sein können. Gerade die, die vor Armut, Verfolgung oder Unterdrückung fliehen, verdeutlichen, wie begehrenswert Wohlstand, Freiheit und Sicherheit unseres Landes doch sind. Und im Umgang mit den Flüchtlingen zeigt sich, wie offen, herzlich und gastfreundlich unser Land sein kann und übrigens auch in der Vergangenheit bereits war.

Mit gewissem Stolz darf daran erinnert werden, wie viele Flüchtlinge aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg Aufnahme fanden. In der Zeit des Wirtschaftswunders gab es neben deutlichem Fremdeln mit den „Gastarbeitern“ auch Vorboten dessen, was heute Willkommenskultur heißt. Nicht zuletzt haben die Deutschen auch nach dem Mauerfall den Zusammenhalt beschworen und belebt.

Die Stimmung hat sich drittens gewandelt, weil das diffus-beängstigende Gefühl des Konfrontiertwerdens mit dem Fremden zur Aufgabe des Umgangs mit den Fremden geworden ist. Das Fremde lässt sich nicht mehr abwehren oder einfach wegdiskutieren. Es ist mitten unter uns: Menschen mit Gesichtern, leidvollen Geschichten und großen Hoffnungen. Wir haben jetzt die Chance, unsere Angststarre zu überwinden, selbst anzupacken und mitzuhelfen. Offenbar lassen sich davon immer mehr Bürger anstecken.

Natürlich gibt es immer noch jene, die um Deutschland am liebsten eine Mauer bauen würden. Wenn sich die Politik damit begnügt, sie als „Dunkel-Deutschland“ oder „Pack“ abzukanzeln, vergrößert sie den inneren Graben, der sich durch das Land zieht. Tiefenpsychologische Interviews zeigen, dass Fremdenfeindlichkeit oft aus dem Gefühl fehlender Anerkennung resultiert. Viele Menschen fühlen sich mit ihrer Lebensleistung und ihrer Geschichte nicht gesehen. Sie erleben sich im Alltag als Menschen zweiter Klasse – von der Gesellschaft benachteiligt und von der Politik verraten. In ihrer Verbitterung kapseln sie sich ab und entwickeln eine Feindseligkeit gegen alles Fremde und Neue.

Diese Gegnerschaft kann im Extrem zu einer politischen Radikalisierung und zu einer Sehnsucht nach einem „reineren Deutschland“ führen, das dann auch durch exemplarische Gewaltakte „rein gehalten“ werden soll. Die Abscheu gegen die Flüchtlinge, die doch das Abendland gefährden, steigert sich, wenn diese jetzt als besser gebildet und oder als zutiefst mutig beschrieben und mit offenen Armen empfangen werden. In den Hass mischt sich dann noch der geheime Neid auf die Tapferkeit und den Zusammenhalt der Flüchtlinge.

Verbitterte Menschen finden sich derzeit zwar häufiger im Osten. Dennoch haben wir es nicht mit einem Ost- oder Westproblem zu tun, sondern mit einem Problem fehlender Ichstärke. Getrieben von einem Gefühl persönlicher Minderwertigkeit und schmerzlicher lebensgeschichtlicher Verletzungen, „flüchten“ diese Menschen in blinden, zündelnden Hass. Diese inneren Flüchtlinge zu integrieren, ist die zweite große Herausforderung, vor der unsere Gesellschaft jetzt steht.

Stephan Grünewald leitet das Institut Rheingold.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum