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Gastbeitrag Die Zukunft wartet nicht

Digitale Medien sind weder gut noch schlecht. Man muss sie richtig einsetzen - auch in Schulen. Dafür fehlt ein Konzept.

Mit der Digitalisierung an Schulen ist es wie im Fußball. Viele haben eine Meinung, aber wenige Ahnung. So pendelt auch die Debatte oft zwischen apokalyptischem Kulturpessimismus und blindem Fortschrittsglauben. Während die einen in Tablets und Programmiertools den Untergang des humboldtschen Bildungsideals sehen, ist für die anderen bereits jedes Kind verloren, das nicht schon im Vorschulalter mit Quellcodes jongliert. Beides ist falsch. 
Warum? Die Antwort ist einfach: Schulische Bildung vermittelt nicht nur Wissen und fördert abstrakte Denkprozesse. Ihr Auftrag ist es, junge Menschen zu einem selbstbestimmten, kompetenten und sozial verantwortlichen Umgang mit ihrer Umgebung zu befähigen. Dazu gehören auch Fortnite oder Snapchat.

Dass Kinder in einer medienfreien Welt aufwachsen können, ist deshalb genauso eine Illusion wie der Glaube, dass digitale Medien Wundermittel seien. Wie jedes andere Werkzeug sind auch digitale Medien weder per se gut noch schlecht. Es kommt darauf an, wie wir sie einsetzen. 

Natürlich kann Multimedialität im Klassenzimmer ein Gewinn sein. Damit ist der Lernerfolg aber keineswegs vorprogrammiert. Neben der passenden Infrastruktur an Schulen sind auch fachdidaktische Konzepte notwendig. Die zentralen Fragen lauten: Welche Kompetenzen müssen junge Menschen erlernen, um sich in einer rasant veränderten Wirklichkeit zurechtzufinden und den digitalen Wandel nachvollziehen und vielleicht noch wichtiger, selbst gestalten zu können? Und: Welche Voraussetzungen müssen eigentlich erfüllt sein, damit Lehrkräfte diese Fertigkeiten kompetent vermitteln können?

Beide Antworten bleibt Bildungsministerin Anja Karliczek schuldig. Was die Bundesregierung in Sachen digitaler Bildung derzeit macht, ist katastrophal. Am Digital-Pakt Schule zeigt sich eindrucksvoll, wie mangelnder Gestaltungswille und politische Orientierungslosigkeit dazu führen, dass eine der wichtigsten Aufgaben der Bildungspolitik in den Sand gesetzt wird. Denn während unsere Nachbarn in Skandinavien und dem Baltikum seit Jahren die Schule der Zukunft gestalten, verliert sich die Bundesrepublik nach wie vor im föderalen Hickhack und verpasst den Anschluss. 

Für den Bildungsstandort Deutschland ist das fatal. Den häufig klammen Kommunen fehlt seit Jahren jede Planungssicherheit. Sie wissen weder, ob und wann die versprochenen Mittel des Bundes ankommen, noch, was gefördert werden soll; Investitionen bleiben aus, die Zeche zahlen am Ende Schüler, Eltern und Lehrkräfte. 

Hinzu kommt: Das in Aussicht gestellte Geld ist höchstens eine Anschubfinanzierung. Nichts ist gewonnen, wenn Tablets nach Förderende verstauben oder die Software veraltet, weil Lehrkräfte mit der Betreuung und Wartung alleine gelassen werden. 

Für modernen Unterricht brauchen wir multiprofessionale Teams aus Pädagogen, Schulsozialarbeitern und Psychologinnen. Multimedialität im Klassenzimmer erfordert zunehmend jedoch auch technisches Personal. Die Bundesregierung hat den Megatrend Digitalisierung verschlafen und läuft nun dilettantisch den eigenen Versäumnissen hinterher.

Funktionierende Technik ist jedoch nur ein Teil. Digitale Bildung muss immer auch Medienbildung sein. Sie muss dabei Strategien vermitteln, um Informationen erfassen, den Wahrheitsgehalt prüfen und letztendlich einordnen zu können. Die Grundlagen, die im frühkindlichen Bereich und in der Grundschule vermittelt werden, sind für das weitere Leben prägend. Das ist ein dringender Handlungsauftrag an die Politik und schließt auch die entsprechende Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte mit ein.

Daneben ist eine Reform des Kinder- und Jugendmedienschutzes unerlässlich. Es ist auch Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass sich junge Menschen zwischen Fake-News und Filterblasen orientieren können und vor Gefahren im digitalen Raum geschützt werden. 

All diese Herausforderungen können nicht mehr von einzelnen Akteuren bewältigt werden. Bund, Länder und Kommunen müssen sich auf eine umfassende politische Strategie verständigen, die föderales Zuständigkeitsgerangel hinter sich lässt. Nur im Dialog kann eine Vision für die Schule der Zukunft entstehen. Hierbei entscheidet sich, ob die kommenden Generationen als Digital Natives oder eben doch nur als Digital Naives in ihr Erwachsenenleben starten. 

Von einer schwarz-roten Bundesregierung, deren Koalitionsvertrag eine neue Dynamik für Deutschland verspricht, können und müssen wir mehr erwarten. Allen Beteiligten sollte klar sein, dass die Zukunft nicht wartet. Nein, sie hat längst begonnen. Es ist höchste Zeit, sie verantwortungsvoll zu gestalten.

Margit Stumpp ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Bildungs- und Medienpolitik.

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