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Gastbeitrag Demokratie hält gesund

Mit der Digitalisierung der Arbeit wachsen die Gesundheitsrisiken. Dagegen helfen Initiativen von unten - der Gastbeitrag.

27.11.2016 18:32
Von Hans-Jürgen Urban

Noch sind die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitszeiten weitgehend unerforscht. Offensichtlich ist jedoch: Smartphones und Tablets ermöglichen eine Entkoppelung von Betriebstätte und Arbeitsprozess. Gearbeitet werden kann zu Hause, unterwegs und beim Kunden. Selbst die schnelle Antwort auf die Chef-E-Mail am Samstagnachmittag ist technisch kein Problem. Orts- und zeitflexibles Arbeiten lautet der einschlägige Begriff.

Wenn aber die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen, könnte dies neue Chancen eines selbstbestimmten Umgangs mit Arbeitspflichten und Freizeitbedürfnissen eröffnen. Könnte. Wahrscheinlicher ist, dass die Arbeitszeiten zunächst länger, unberechenbarer und flexibler, kurzum: fremdbestimmter werden. Unbegrenzte Erreichbarkeit statt neuer Freiheit? Ein bedrohliches Szenario. Das liefe nicht nur dem weitverbreiteten Digitalisierungsoptimismus entgegen. Es wäre auch mit erheblichen Gesundheitsrisiken für die Betroffenen verbunden.

In der Arbeitsforschung ist vielfach belegt: Die Länge und die Verteilung von Arbeitszeiten sowie die Regeln zur Erreichbarkeit sowie zu Pausen und Ruhezeiten prägen das Belastungsprofil der Arbeit. Je länger, flexibler und fremdbestimmter die Arbeitszeiten und je kürzer, unsicherer und unzuverlässiger Pausen und Ruhezeiten, desto höher Belastungen und Gesundheitsrisiken. Dabei wirken Einwirkungsmöglichkeiten der Beschäftigten bei der Arbeitszeitgestaltung den Risiken entgegen, während Arbeitsverdichtung und Fremdbestimmung sie verstärken.

Doch wissenschaftliche Evidenz scheint wenig Einfluss auf das Betriebsgeschehen zu haben. Dort hält die Digitalisierung oftmals als Rationalisierung Einzug in die Betriebe. Bisher dominiert eine Digitalisierung von oben, an der die Beschäftigten kaum beteiligt sind und die die Arbeitsbelastungen erhöht. Das legt der neue Index „Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds nahe, bei dem fast 10 000 Beschäftigte in einer repräsentativen Umfrage über Verlauf und Auswirkungen der Digitalisierung befragt wurden. 82 Prozent der Befragten gaben an, von Digitalisierungsprozessen an ihrem Arbeitsplatz betroffen zu sein.

Zwar stellen 21 Prozent der Befragten einen positiven und lediglich elf Prozent einen negativen Effekt auf die Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit fest. Aber dem knappen Zugewinn an Zeitsouveränität stehen signifikante Belastungen gegenüber. So äußert etwa jeder Zweite, dass seine Arbeitsbelastung (46 Prozent) und die zu bewältigende Arbeitsmenge (54 Prozent) gestiegen sind.

Zugleich fühlen sich 46 Prozent der Befragten stärker überwacht und kontrolliert. Und 74 Prozent berichten, keinen oder kaum Einfluss auf den Einsatz digitaler Technik an ihrem Arbeitsplatz zu haben. Vermehrte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen und Belastungen des Privatlebens werden folgen.

Diese Befunde haben wenig mit der schönen neuen Arbeitswelt der regierungsoffiziellen Digitalisierungsbroschüren zu tun. Und noch weniger mit den arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen, die unlängst die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin vorgelegt hat. Aus diesen lassen sich Leitlinien einer humanen Arbeitspolitik ableiten.

Demnach stellt das Regulierungsdreieck aus dem Acht-Stunden-Tag, der 40-Stunden-Woche sowie einer Mindest-Ruhezeit von elf Stunden mit Blick auf den Erhalt des physischen und psychischen Leistungsvermögens eine Art Goldstandard dar. Dauerhafte Überschreitungen bei der Arbeitszeit oder Unterbietungen bei den Ruhezeiten erhöhen signifikant Unfallrisiken und Gesundheitsbeeinträchtigungen. Und damit sind sie aus der Perspektive einer Arbeitspolitik mit humanisierungspolitischer Absicht besonders begründungsbedürftig.

Die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Befunden und betrieblicher Realität offenbart eine Gestaltungslücke in Sachen Arbeitszeit. Das fordert Gewerkschaften und Politik heraus. Realistisch betrachtet dürften auch in Zukunft die Arbeitszeiten vielfach vom skizzierten „goldenen Zeitdreieck“ abweichen; erzwungen durch die Unternehmen oder gewünscht von den Beschäftigten. Und dennoch: Eine gesundheitssensible Arbeitszeitpolitik muss darauf insistieren, dass dauerhafte Arbeitszeitverlängerungen und verkürzte Ruhezeiten nur um den Preis steigender Gesundheitsrisiken zu haben sind.

Können diese nicht verhindert werden, so müssen sie zumindest minimiert werden. Durch zeitnahe Belastungsausgleiche in Form verbindlicher Pausen und verlässlicher Ruhezeiten. Und eine Begrenzung des Arbeitsvolumens auf ein gesundheitsverträgliches Maß. Und vor allem durch umfassende Beteiligungsrechte der Beschäftigten. Denn Einwirkungsmöglichkeiten und Autonomie sind – auch das zeigen die Studien – Ressourcen. Und die spielen bei der gesundheitsverträglichen Bewältigung belastender Arbeitssituationen eine zentrale Rolle. Demokratie hält gesund.

Daraus folgt: Soll die Digitalisierung nicht zur Rationalisierungsmaschine degenerieren und sollen Chancen für selbstbestimmte Arbeitszeiten genutzt werden, sind Initiativen für eine Digitalisierung von unten unverzichtbar. Das erfordert Demokratie im Arbeitsalltag. Und Verantwortungsbewusstsein für die Gesundheit der Beschäftigten. Auf allen Seiten.

Hans-Jürgen Urban ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und Mitherausgeber des Jahrbuchs „Gute Arbeit 2017“. Es wird unter dem Titel „Streit um Zeit – Arbeitszeit und Gesundheit“ im Dezember 2016 im Bund-Verlag, Frankfurt, erscheinen.

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