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Gastbeitrag Das nukleare Zeitalter beenden

Atomwaffen müssen erst geächtet und dann eliminiert werden. Dann befreien wir uns vom atomaren Damoklesschwert.

Der Friedensnobelpreis an Ican kommt zur rechten Zeit. Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ist zum Hoffnungsträger geworden. Allmählich erwachen Politik, Medien und Öffentlichkeit aus ihrem Dornröschenschlaf und starren erschrocken auf eine Welt, in der immer noch 15 000 Atomwaffen lagern. Davon stehen fast 2000 in den USA und Russland in den Startlöchern und warten auf den Befehl zum Einsatz. Außerdem werden mindestens zwei der 18 Männer und Frauen, die einen Atomwaffeneinsatz befehlen können, von Expertinnen und Experten als psychisch instabil eingeschätzt.

Seit dem 6. Oktober 2017, als die Verleihung an das weltweite Netzwerk verkündet wurde, steht das Telefon auch bei Ican Deutschland nicht mehr still. Die Freude der Menschen ist überwältigend: Endlich eine Preisträgerin, die den Preis verdient, sagen sie. Diese Friedensnobelpreisverleihung ist für viele Menschen die einzig gute Nachricht in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen zu geraten scheint. Sie setzen in Ican die Hoffnung, dass diese Initiative helfen kann, einen Atomkrieg zu verhindern.

1985 haben die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) den Friedensnobelpreis gewonnen. Die Verleihung wurde von den damaligen Politikern kritisiert und die Ärzteorganisation als „kommunistische Frontorganisation“ beschimpft. Heute schätzen Experten die Weltbedrohung gefährlicher ein als im Kalten Krieg, obwohl es damals weit mehr Atomwaffen gegeben hat. Aber die Hoffnung in die IPPNW gab es damals ähnlich wie heute in Ican.

Die Pflicht, Atomwaffen abzuschaffen, liegt bei denjenigen Staaten, die sie besitzen. Ican, die IPPNW und die Zivilgesellschaft können auf dieses Staaten lediglich Druck ausüben. Der gewaltige Unterschied heute zu damals ist, dass 122 Staaten einen Vertrag beschlossen haben, der die Atomwaffen ächtet. Das hatten wir 1985 noch nicht. Der Vertrag fordert: Das nukleare Zeitalter muss beendet werden. Nie wieder dürfen Atomwaffen eingesetzt werden, weil die humanitären Folgen katastrophal wären. Atomare Abschreckung ist keine Basis für unsere Sicherheit.

Diese Woche führen Südkorea und die USA ihr größtes Luftmanöver durch mit 12 000 Soldaten und 230 Flugzeugen. Nordkorea hat erklärt, dass die Übungen die Region an den „Rand eines Atomkrieges“ brächten.

Dieser Konflikt führt uns vor Augen, was die nukleare Abschreckungsdoktrin bedeutet. Eine glaubwürdige Abschreckung benötigt Raketen- und Atomtests, eine Zurschaustellung der Waffen bei Paraden oder in Manövern bis hin zu Einsatzdrohungen. Beide Seiten müssen mit dem Feuer spielen, um glaubwürdig abzuschrecken.

In den letzten Jahren erlebten wir solche Manöver auch an den Grenzen zwischen Nato und Russland. Abschreckung führt zum Wettrüsten. Zwar haben die USA und Russland die Zahl der Atomwaffen über die Jahrzehnte reduziert, aber sie bieten sich seit einigen Jahren ein regelrechtes „Modernisierungswettrüsten“.

Wo soll das hinführen? Wie kann US-Präsident Donald Trump seine Drohung, Nordkorea auszulöschen, noch toppen? Was passiert, wenn wie 1983 zwischen den USA und der Sowjetunion geschehen, Nordkorea aufgrund eines Manövers glaubt, angegriffen zu werden? Oder schlimmer: Was würde passieren, wenn die USA entscheiden, die nukleare Infrastruktur Nordkoreas zu bombardieren?

Dann können wir nur hoffen, dass es auf beiden Seiten Leute wie Stanislaw Petrow und Wassili Archipow gibt – Männer, die in den 80er Jahren die Welt gerettet haben, weil sie Befehle verweigerten. Diese Beispiele zeigen, dass die Abschreckung schon einmal versagt hat und wir nur mit Glück an einem Atomkrieg vorbeigeschrammt sind.

Wir dürfen aber nicht nur auf unser Glück vertrauen, wir müssen handeln. Die Aufgabe ist weitaus einfacher und schneller zu erledigen als das Problem des Klimawandels, wenn wir uns einig sind. Der Fall der Berliner Mauer hat gezeigt, dass sich politisch festgefahrene Konstellationen manchmal schnell verändern. Vor solch einer historischen Gelegenheit stehen wir gerade. Wir können die Atomwaffen gemeinsam ächten und danach eliminieren, wie andere Massenvernichtungswaffen auch. Wir müssen nicht für alle Zeiten unter dem atomaren Damoklesschwert leben.

Was dem einzig im Wege steht, ist der Glaube an die Abschreckung statt auf Dialog, Verhandlungen und Entspannungspolitik zu setzen. Die künftige Bundesregierung kann in diesem Sinne ein Zeichen setzen und als erster Nato-Staat dem UN-Vertrag über ein Verbot von Atomwaffen beitreten.

Xanthe Hall ist Abrüstungsreferentin der IPPNW und Mitglied im Vorstand von Ican Deutschland.

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