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Ganztagsschulen Wem gehört der Nachmittag?

Es gibt keinen Nachweis, dass Schüler in verpflichtenden Ganztagsschulen besser abschneiden. Darauf muss die Politik reagieren - ein Gastbeitrag von zwei CDU-Politikerinnen.

Grundschule Kloppenheim
Was Familien wirklich brauchen, sind Schulen, die dem Lernbedarf der Kinder und dem Betreuungsbedarf der Eltern gerecht werden. Foto: Monika Müller

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheitert auch heute noch oft an Betreuungsdefiziten. Daher ist das politische Ziel eines Rechtsanspruchs auf Betreuung im Grundschulalter im Sinne der Wahlfreiheit ein Schritt in die richtige Richtung. Aus einem Angebot sollte aber keine Pflicht für alle werden. Dafür gibt es gute Gründe.

Nicht einmal ein Viertel aller Eltern will für ihre Kinder eine verpflichtende Ganztagsschule mit 40-Stunden-Woche und dies sogar mit deutlich fallender Tendenz, wie eine Bildungsstudie im Auftrag des Unternehmens JAKO-O 2017 feststellt. Dennoch ist gegenwärtig viel von einem angeblich notwendigen flächendeckenden Ausbau von Pflichtganztagsschulen die Rede.

Viele Milliarden Euro an Investitionen und wiederkehrenden Personalkosten wären die Folge. Erst kürzlich errechnete die Bertelsmann-Stiftung für den Ausbau aller Schulen einen Finanzbedarf von bis zu 20 Milliarden Euro und einen Personalbedarf von bis zu 184 000 zusätzlichen Fachkräften.

Dahinter steckt das Programm einer 40-Stunden-Schulwoche für Schüler ab dem sechsten Lebensjahr mit Rundum-Lehrprogramm auch in Pausen und in der Freizeit. Auch im offiziösen Bericht „Bildung in Deutschland“ wird die verpflichtende Ganztagsschule zur einzig angemessenen Form stilisiert.

Doch trotz 15 Jahren Ganztagsschulprogramm gibt es keine Nachweise erfolgreicheren Lernens an solchen Schulen. Das zeigen die bescheidenen Leistungen der Kinder in den Bundesländern mit dem höchsten Schüleranteil an verbindlichen Ganztagsgrundschulen. In Bremen, Berlin, Hamburg und Rheinland-Pfalz schnitten neben Nordrhein-Westfalen Viertklässler im Deutsch- und Mathematik-Leistungsvergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen am schlechtesten ab. Dagegen hat Bayern, das nur sehr wenige Schüler im verpflichtenden Programm bindet, die leistungsstärksten Viertklässler. Ein Mehr an Schulunterricht ist nicht entscheidend: Schüler stehen mit einer 40-Stunden-Lernwoche am Ende nicht besser da als Halbtagsschüler.

Was Familien wirklich brauchen, sind Schulen, die dem Lernbedarf der Kinder und dem Betreuungsbedarf der Eltern gerecht werden. Eltern wollen eine gut erreichbare, flexible und pädagogisch vernünftige Nachmittagsbetreuung ihrer Kinder, sofern sie diese aus beruflichen oder erzieherischen Gründen für notwendig erachten. Dabei trifft es nicht zu, dass alle Eltern ganztags arbeiten wollen. Entsprechende Studien wie etwa das Kinderbarometer weisen den Wunsch sowohl der Eltern wie der Kinder nach mehr gemeinsamer Zeit aus. Die Politik sollte flexible und verlässliche Angebote schaffen, die auf individuelle und wechselnde Bedürfnisse eingehen. Gefragt ist ein passgenauer Zuschnitt dieser Angebote, die bestehende Initiativen und Programme ergänzen und bündeln, aber nicht ersetzen sollen.

Die primäre Zuständigkeit der Kommune beziehungsweise des Schulträgers muss erhalten bleiben; Bund und Länder sollten sich an den Investitions- und Betriebskosten mit Zuschüssen beteiligen. Analog zum Ausbau der U3-Betreuung kann so ein gesetzlich verankerter Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung für Grundschulkinder in allen Ländern bis zum Ende der Legislaturperiode verwirklicht werden, der auf Freiwilligkeit beruht, lokale Gegebenheiten berücksichtigt und auf bestehenden Angeboten aufbaut.

Das Land Hessen hat dafür ein vorbildliches Programm entwickelt: Der „Pakt für den Nachmittag“, seit 2013 in Umsetzung, sieht ein von Land, kommunalem Träger und Eltern gemeinsam getragenes Bildungs- und Betreuungsangebot vor, das lokale Umstände sowie vielfältige Träger einbezieht. So entsteht schrittweise ein flexibles, verlässliches Angebot von 7.30 Uhr bis 17 Uhr, auch in Ferienzeiten. Der Pakt sieht vor, dass sich Eltern bei voller Ausschöpfung der Betreuungszeiten ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gemäß an den Kosten beteiligen – was nicht nur die Wertschätzung, sondern auch die Mitverantwortung der Eltern an den Betreuungsangeboten stärkt.

Familien brauchen jetzt einen entschlossenen Schritt, der die vielfältigen Modelle zu einem flächendeckenden Angebot ergänzt und ausbaut. Damit sie die Wahl haben, wie sie ihr Leben mit Kindern auch im Grundschulalter tagtäglich gestalten.

 

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