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Freihandel Risiken der Globalisierung abfedern

Geld alleine macht nicht glücklich. In Zeiten der Globalisierung müssen Solidarität und Kooperation gefördert werden. Der Gastbeitrag.

Berlin
Demonstration gegen TTIP. Foto: imago

Ökonomen kontern Globalisierungskritik mit Freihandelstheorie und historischer Evidenz. Doch schon daraus lassen sich Defizite der heutigen Freihandelspraxis herleiten. Neue verhaltensökonomische Ansätze liefern weitere Argumente – sowie Lösungsmöglichkeiten.

Brexit, protektionistische Bestrebungen der USA und Wahlerfolge rechter Parteien in Europa setzen den Freihandel unter Rechtfertigungsdruck. Das Argument reicht nicht mehr, eine weitere Handelsliberalisierung führe zu einem höheren Sozialprodukt. Nach der klassischen Argumentation müssen Verlierer der Globalisierung aus diesen Gewinnen nur hinreichend entschädigt werden, um Unzufriedenheit in der Gesellschaft den Nährboden zu entziehen.

Doch die Verhaltensökonomie hat längst herausgearbeitet, dass materielle Kompensation nicht reicht. Menschen beurteilen ihr Einkommen immer in Relation zu dem anderer. Selbst wenn der Wohlstand aller in einer Gesellschaft durch Globalisierung steigt, einige aber mehr profitieren, fühlen sich viele nicht besser gestellt. Mit der Ungleichheit wächst die Zahl von Unzufriedenen in Industriestaaten.

Es gibt weitere gesellschaftliche Probleme der Globalisierung: Erosion der Identität, des Zusammengehörigkeitsgefühls sowie des sozialen Kapitals wie Vertrauen und Kooperationsbereitschaft durch die Anonymisierung und den Zusammenbruch sozialer Netzwerke. Identität und soziales Kapital sind aber wichtige Eckpfeiler für das Glücksgefühl von Menschen. Ihr Verlust kann durch materielle Wohlstandsgewinne nicht vollständig aufgewogen werden. In ihrer Summe verstärken diese Negativeffekte protektionistische und fremdenfeindliche Strömungen.

Gewinne des Freihandels werden unterstellt, wenn sich jedes Land auf die Produktion jener Güter spezialisiert, bei denen es einen Kostenvorteil gegenüber anderen Ländern hat und mit diesen dann Handel treibt. Im Ergebnis wächst in so einem Modell der Kuchen, den man verteilen kann, und somit der Wohlstand der beteiligten Länder. Doch zum einen ist der Großteil dieser Gewinne bereits realisiert, zum anderen sind wichtige Annahmen dieses intuitiven Modells in der Realität nicht erfüllt.

So unterstellt es geringe Marktmacht von Firmen, während durch die Globalisierung im Zusammenwirken mit neuen Technologien immer größere Unternehmen entstehen, die ihre Marktmacht zu Lasten von Kunden und Beschäftigten ausnutzen können. Die klassische Freihandelstheorie sieht zudem vor, dass externe Effekte, das sind zum Beispiel schädliche Auswirkungen auf die Umwelt durch den Transport von Waren, mit hoher Besteuerung kompensiert werden. Doch sind etwa Flugbenzin und Diesel für Transportschiffe immer noch unbesteuert.

Wenn Güter und Kapital im Gegensatz zu den Arbeitskräften mit nur geringen Kosten international mobil sind, ist es offensichtlich, dass dies zu höheren Kapitalrenditen führt, da das Kapital dorthin wandert, wo Löhne, Sozialstandards und Umweltauflagen niedrig sind. Und die gerade wieder viel diskutierten Steueroasen tragen ein Übriges dazu bei, dass die Besteuerung dieser Renditen schwierig ist, was eine Kompensation der Globalisierungsverlierer erschwert.

Es ist in der Volkswirtschaftslehre unumstritten, dass Märkte und der Kapitalismus neben Freiheit auch Regeln brauchen, damit sie zum Wohle aller funktionieren. Während solche Regeln innerhalb von Staaten existieren, ist der internationale Handel kaum reguliert. Das wird sich so schnell nicht ändern.

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