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Forschung und Lehre Durstige Hochschulen

Jetzt wird wieder über die Ausstattung von Forschung und Lehre verhandelt. Klar ist: Integration und Digitalisierung erfordern mehr Geld.

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Das ist eine Frage der Betrachtung, die maßgeblich vom Kontext abhängt. Für die hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften (vormals Fachhochschulen) und Universitäten wird die Zukunft in den nächsten Monaten entschieden. Zum einen stehen Landtagswahlen an, zum anderen beginnen 2019 die Verhandlungen über den nächsten Hochschulpakt (HSP). Dieser wird den Hochschulen von 2021 bis 2025 die finanzielle Grundlage weisen.

Warum werden es für die Hochschulen und unsere Gesellschaft entscheidende Jahre sein? Schon heute dominieren Digitalisierung und Migration/Integration die Schlagzeilen: Der Umgang damit wird darüber entscheiden, welche Bedeutung Deutschland als wirtschaftlichem, lebenswertem und demokratischem Standort zukommt. Die Hochschulen als Organisationszentren des Wissenschaftssystems nehmen hier eine wegweisende Rolle ein.

Die Digitalisierung katapultiert uns in eine Zeit der Ungewissheit: Wir können uns heute noch gar nicht umfassend vorstellen, wie sehr sich die Gesellschaft verändern wird. Unstrittig dürfte sein, dass eine Vielzahl von heute etablierten Berufen nicht mehr existieren wird. Die Zeitspanne von fünf Jahren für einen anstehenden Hochschulpakt ist eine Ewigkeit. Die Hochschulprozesse sind auf eine solch epochale Veränderung nicht ausgerichtet.

Als Konsequenz müssen sich Hochschulen vor allem als Orte des Umgangs mit „Nichtwissen“ verstehen. Sie primär als Orte des Lehrens zu sehen, gehört in das vorige Jahrhundert; sie müssen vielmehr als Plätze des forschenden Lernens verstanden werden, an welchen Lehrende, Studierende und Praxispartner/-innen aus Wirtschaft und Gesellschaft sich a) mit dem Neuen auseinandersetzen und b) entsprechende soziale und technische Innovationen produzieren. Zudem sollten sie im Zeitalter der Fake News zu einem kühlen Kopf der Gesellschaft beitragen, durch verständliche Kommunikation, basierend auf wissenschaftlichen Argumenten.

Die Migration/Integration wird die Gesellschaft dramatisch verändern. Auch hier nehmen Hochschulen eine Vorreiterrolle ein, sozialen Frieden durch Bildungsintegration sicherzustellen. Sie sind die Institutionen, die über unterschiedliche Herkunft und Milieus hinweg Menschen über das Lernen miteinander in Verbindung bringen. Sie schaffen die Voraussetzungen, dass diese auf dem Arbeitsmarkt integriert werden. Bildung und Arbeit sind die zentralen Integrations- und Erfolgsfaktoren moderner Gesellschaften. Das Scheitern können wir in anderen Ländern beobachten, in welchen die Jugend- und Akademikerarbeitslosigkeit hoch ist.

Nun ist der Zeitpunkt erreicht, zu dem wir die bildungspolitischen Institutionen nachhaltig stärken müssen. Das bedarf einer enormen politischen und finanziellen Anstrengung. Die hessischen Hochschulen treten angesichts der anstehenden Wahlen gemeinsam an die Politiker/-innen mit drei zentralen Kernforderungen heran, um den skizzierten Herausforderungen angemessen begegnen zu können:

Zunächst fordern wir eine jährliche Steigerung des hessischen Hochschulbudgets ab 2021 um fünf Prozent für fünf Jahre. Davon unberührt sind die Landesanteile für die verschiedenen Bund-Länder-Programme sowie die Verstetigung des HSP-2020-Programms. Bei der Verteilung des Geldes auf die Hochschulen spielen dann sicher Fragen des Standortes und Zukunftskonzepte, Studierendenaufwuchs sowie Studierendenzahlen eine Rolle; auch die Integrationsleistung müsste einbezogen werden.

Wollen wir sichtbar für die Gesellschaft zu wertgeschätzten Lernorten werden, braucht es eine entsprechende bauliche Substanz, die keinen Anschein des Maroden in sich trägt. Folglich lautet die zweite Kernforderung, das bestehende Bauprogramm Heureka II um eine Milliarde Euro für die hessische Hochschullandschaft zu steigern.

Wir schließen mit der dritten Kernforderung an das Thema Digitalisierung an: Wir benötigen für die entsprechende Zukunftsausrichtung der Hochschulen mindestens 50 Millionen Euro pro Jahr – und das fünfmal. Wie sollen junge Menschen auf eine digitalisierte Zukunft vorbereitet werden, wenn es die Bildungsinstitutionen selbst nur mangelhaft sind?

Obwohl noch nie so viel Geld wie in den letzten Jahren in das Hochschulsystem geflossen ist, stehen die Hochschulen des Landes am Scheideweg: Konnte in den letzten Jahren wohlwollend davon gesprochen werden, dass das Glas halb voll war, so muss mit Bangen vor den Herausforderungen alles getan werden, um zu verhindern, dass das Glas halb leer – und am Ende ausgetrunken ist. Es sind nun die Politiker/-innen gefragt, das Verdursten der Hochschulen, dann der Wirtschaft und schließlich unserer Gesellschaft in der Zukunft zu verhindern.

Prof. Dr. Frank E. P. Dievernich ist Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences und Vorsitzender der „HAW Hessen“, die die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in dem Bundesland vertritt. 

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