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Flughafenausbau Fraport muss schrumpfen

Weniger Flüge, weniger Lärm: Frankfurt und Hessen haben Mittel, den Airport-Betreiber zum Umsteuern zu bringen, meint der Logistikexperte Richard Vahrenkamp. Ein Gastbeitrag.

05.03.2015 15:06
Richard Vahrenkamp
Fraport muss eine Schrumpf-Kur verorndet werden, fordert der Logistik-Experte Richard Vahrenkamp. Foto: Andreas Arnold

Die Führung eines Unternehmens basiert meist auf einer Strategie. Der Vorstand von Fraport verfolgt offenbar eine Strategie des Wachstums. In seinen Geschäftsberichten spricht Fraport vollmundig davon, wie es „Wachstumsmotoren“ hegt und pflegt. Für eine sozial-ökologisch verträgliche Implementierung von Fraport in das Rhein-Main-Gebiet sind aber eine Rückführung der Flugbewegungen und eine Begrenzung der Lärmmenge auf 380 000 Flugbewegungen pro Jahr erforderlich. Wie kann die Strategie des Schrumpfens umgesetzt werden?

Bei Aktiengesellschaften ist es durchaus üblich, dass Großaktionäre Strategien, zunächst unabhängig vom Vorstand, entwickeln und formulieren. Den Anteilseignern von Fraport, dem Land Hessen und der Stadt Frankfurt, ist es daher unbenommen, eigenständig Strategien zu entwickeln und in das Unternehmen hinein zu tragen. Um den Flughafen Fraport sozial-ökologisch verantwortungsvoll in das Rhein-Main-Gebiet zu implementieren, ist sogar eine derartige Strategiefindung dringend erforderlich. Hierzu haben die beiden Anteilseigner zunächst eine Kommission zur Strategiefindung zu bilden. Bisher haben die Anteilseigner sich nicht zu diesem Schritt entschließen können, sondern so getan, als ginge sie ihr Unternehmen Fraport möglichst wenig an. Die Institutionen der Anteilseigner führen die Aufsicht über Fraport und erteilen Genehmigungen, nehmen aber nicht an einer Diskussion um die Unternehmensstrategie teil.

Aufsichtsräte können Einfluss nehmen

Welche Leitideen können die Strategieentwicklung lenken? Die transkontinentalen Hubverbindungen sind zweifellos der Markenkern von Fraport und sollten im Vordergrund der Strategieentwicklung stehen. Daher ist zu fragen, welche Art von Flughafen Fraport sein soll. Soll es ein Universalflughafen sein, der alle Arten von Flugverkehren anbietet, oder soll sich Fraport auf seine Stärken der transkontinentalen Hubverbindungen konzentrieren? Wird die letztere Strategie verfolgt, so entstehen Chancen, Verkehre von Fraport, die nicht den transkontinentalen Verkehren dienen, auf Regionalflughäfen auszulagern. Damit ist ein Ansatz für eine Schrumpfungsstrategie gegeben.

Um die Schrumpfungsstrategie als verbindliches Leitbild im Rhein-Main-Gebiet umzusetzen, sollte sie von den Entscheidungsgremien der Stadt Frankfurt und des Landes Hessen verabschiedet werden. Die Anteilseigner können über ihre Vertreter im Aufsichtsrat die Schrumpfungsstrategie in das Unternehmen tragen. Nach dem Aktiengesetz können die Aufsichtsräte den Vorstand beraten, wie er die Strategie umsetzen kann. Sollte der Vorstand weiter auf seiner Wachstumsstrategie bestehen, kann der Aufsichtsrat den Vorstand abberufen und einen anderen Vorstand berufen. Um die Stimmen der Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat für eine Schrumpfungsstrategie zu gewinnen, sollte Arbeitsplatzsicherung dazu gehören, um Befürchtungen entgegenzutreten, dass die Strategie zu Entlassungen führt.

Wie kann die Schrumpfungsstrategie umgesetzt werden? Hier kann man an eine Ergänzung des Planfeststellungsverfahrens für Fraport denken. So wie Fraport das Nachtflugverbot zwischen 22 Uhr und fünf Uhr als Nebenbestimmung im Planfeststellungsverfahren beantragt hatte, kann es ebenfalls eine Deckelung der Flugbewegungen auf 380 000 jährlich beantragen. Damit ist eine Rechtsbasis da, um bei Slotvergabe und den Start- und Lande-Entgelten Flüge zu verdrängen, welche die Grenzen überschreiten. Die Gestaltung der Start- und Lande-Entgelte sieht ausdrücklich vor, dass Aspekte von öffentlichen oder allgemeinen Interessen in die Bestimmung von Entgelten einfliessen können.

Verlagerung auf benachbarte Regionalflughäfen

Zunächst könnte man die Anzahl der jährlichen Flugbewegungen reduzieren, wenn man die Flugbewegungen der touristischen Charterverkehre in die Warmwassergebiete des Mittelmeeres und der Kanaren auf die benachbarten Regionalflughäfen Hahn und Kassel verlagert. Dies führt zu einer Reduktion der Flugbewegungen um schätzungsweise 100 000 pro Jahr. Ein weiterer Schritt wäre die Deckelung der Flugbewegungen auf 380 000 pro Jahr.

Das Instrument der Start- und Lande-Entgelte ist bereits erfolgreich angewandt worden, um sozial-ökologisch unerwünschte Verkehre (wie besonders laute Flugzeuge) zurückzudrängen. Den Charter-Airlines können höhere Start- und Lande-Entgelte auferlegt werden, damit für sie ein Anreiz entsteht, ihre Verkehre auf die Flughäfen Hahn und Kassel zu verlagern. Auch könnte die Landesregierung Gespräche mit den Charterfluggesellschaften führen und ihnen für die Verlagerung weitere Anreize bieten. Es wäre auch im Sinne der Landespolitik, für eine bessere Auslastung der Flughäfen Hahn und Kassel zu sorgen.

Das Instrument der Start- und Landegebühren kann auch eingesetzt werden, um eine Begrenzung der Bewegungen auf 380 000 zu erreichen. Wenn man die Flugbewegungen von Fraport aus den Vergangenheitsdaten des letzten Jahres auf die einzelnen Airlines herunter bricht, könnte man diese Größen den Airlines als „Kontingent“ an Flugbewegungen für das laufende Jahr zur Verfügung stellen. Bei Überschreitung des Kontingents sind Start- und Landegebühren anzuheben. Damit erhalten die Airlines Anreize, ihre Zusatzverkehre auf andere Flughäfen zu verlagern. Mit einer internen Börse könnten Kontingente unter den Airlines gehandelt werden, um eine wettbewerbsrechtlich problematische Festschreibung der Marktanteile in Fraport zu vermeiden. Der Handel mit Kontingenten kann auch mit der stark umkämpften Vergabe der Slots verknüpft werden.

Richard Vahrenkamp war bis 2012 Professor für Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Logistik an der Uni Kassel. Er ist jetzt Logistikconsultant in Berlin.

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