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Flüchtlinge Stadt, Land, Flüchtlinge

Hilfesuchende können in ländlichen Regionen nur integriert werden, wenn die Politik Chancen für alle sichert. Es muss genauer hingeschaut werden, ob auch die Voraussetzungen für Integration erfüllt sind. Der Gastbeitrag.

24.11.2015 13:31
Markus Tressel
Flüchtlinge werden häufig in der Provinz wie hier in Borkum untergebracht - auch wenn oft keine Möglichkeiten zur Integration gegeben sind. Foto: dpa

Immer wieder bringen vor allem Verantwortliche in den Städten vor, man möge Flüchtlinge doch dort unterbringen, wo viel leerer Wohnraum zur Verfügung steht, im ländlichen Raum. Doch was auf den ersten Blick logisch erscheint, ist am Ende nicht immer zielführend. Statt Flüchtlinge pauschal in leerstehende Wohnungen auf dem Land zu verweisen, müssen wir uns genauer anschauen, ob schrumpfende ländliche Regionen wirklich die Voraussetzungen für echte Integration erfüllen. Täten sie es nicht, wäre das am Ende eher kontraproduktiv. Der Auftrag an die Politik ist klar: Auch auf dem Land müssen die Weichen durch eine zukunftsweisende Regionalpolitik so gestellt werden, dass Lebensqualität und Perspektiven für alle gegeben sind. Nur so kann Integration gelingen. Richtig gemacht kann aus der Krise dann eine Chance für die ländlichen Räume werden.

Die Idee klingt charmant: Flüchtlinge beziehen leerstehende Wohnungen auf dem Land. Dadurch beleben die vielen jungen Familien unsere immer kleiner werdenden Städte und Dörfer. In die überschaubare Dorfgemeinschaft können sie sich schnell einleben, die Schule im Dorf bleibt geöffnet und die Schulbusse fahren weiter. Integration funktioniert doch am besten dezentral. Und brauchen wir bei unserer schnell alternden ländlichen Bevölkerung nicht gerade jetzt die syrische Ärztin oder den afghanischen Krankenpfleger?

So einfach ist es leider nicht. Die Gegebenheiten in den ländlichen Regionen, von der Küste Schleswig Holsteins über die Lausitz bis zur Schwäbischen Alb, unterscheiden sich sehr deutlich: Manche Regionen wachsen, haben eine starke regionale Wirtschaft, bieten Perspektiven für Alteingesessene und Zugezogene. Andere Regionen sind stark vom demografischen Wandel betroffen und schrumpfen teils stark, weil es junge Menschen in die Städte zieht. In Schrumpfungsregionen kommt es daher zu Wohnungsleerstand und teilweise sogar zu sogenanntem Rückbau, es werden also bewohnbare Wohnungen abgerissen.

Wenige Schultern tragen die Kosten

Durch diese Schrumpfung kommt es aber eben nicht nur zu günstigem, freiem Wohnraum. Wenn immer weniger Menschen in einer Region leben, müssen Kommunen häufig den Rotstift ansetzen: Die Kosten für den notwendigen Erhalt der bestehenden Infrastruktur lasten auf immer weniger Schultern. So wird vor allem an öffentlichen Einrichtungen und Kulturangeboten wie Bibliotheken, Jugendzentren oder Schwimmbädern gespart. Gerade in strukturschwachen Regionen fehlen daher immer mehr Freizeit-, Kultur- und Integrationsangebote für alle – Alteingesessene, Zugezogene, für Migrantinnen und Migranten. Gerade für Kinder und Jugendliche wird es dann unattraktiver. Keine gute Voraussetzung für Integration.

Die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist also nur ein Indikator unter vielen, um sich der Antwort auf die komplexe Frage zu nähern, wie eigentlich Integration vor Ort gelingen kann. Wir müssen die regionalen Lebensverhältnisse mit in den Blick nehmen, zu denen neben Freizeit-, Bildungs- und Kulturangeboten beispielsweise auch die Lage auf dem regionalen Arbeitsmarkt gehört. Die pauschale Forderung der Unterbringung von Flüchtlingen auf dem Land greift daher viel zu kurz.

Rein aus Perspektive der Regionalentwicklung bietet der Zuzug von Familien natürlich eine Chance für schrumpfende ländliche Räume. Allein die Tatsache, dass Menschen in Regionen ziehen, die sonst nicht mehr viel zu bieten haben, führt aber nicht automatisch zu mehr Lebensqualität vor Ort. Hier ist die Politik gefragt, die richtigen Voraussetzungen zu schaffen. Um Menschen – egal ob sie seit Generationen im Dorf leben oder frisch zugezogen sind – auch eine Perspektive zu geben.

Nur durch eine nachhaltige und zukunftsweisende Regionalpolitik können wir ein familienfreundliches Leben auf dem Land mit Chancen für alle gestalten: Dazu gehören Arbeitsplätze, schnelles Internet, eine gute ärztliche Versorgung, ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr, Angebote für Kinderbetreuung, Kultur und Freizeit. Mit den kreativen Ideen und dem Engagement der Menschen können vor Ort ein lebendiges Miteinander und eine Willkommenskultur entstehen.

Hierfür brauchen wir schlicht auch mehr Geld innerhalb der bestehenden Fördermöglichkeiten, die zudem auch stärker dem sozialen Bereich zugutekommen müssen. Es ist längst überfällige Aufgabe der Politik, hier ein umfassendes Angebot an sich ausdünnende ländliche Regionen zu machen.

Falsch ist hingegen der Ansatz, Flüchtlinge nur deswegen auf dem Land unterzubringen, um unsere Kleinstädte und Dörfer irgendwie lebendig zu halten. Das Generieren von Wohnraum –egal wo – ist in der akuten Nothilfe wichtig. Für den zweiten Schritt, die Integration, sind die Interessen der Flüchtlinge und Anknüpfungspunkte wie Familie oder Freunde viel entscheidender. Das kann nur funktionieren, wenn die Menschen gerne dorthin gehen, Chancen und Perspektiven sehen. Denn wer gerne an einem Ort lebt, findet sich schneller ein.
Schaffen wir auch in ländlichen Regionen Chancen für alle in einem lebenswerten Umfeld, werden sich mehr Menschen für ein Leben auf dem Land entscheiden. Mit den richtigen Voraussetzungen erreichen wir auch hier ideale Bedingungen für dezentrale Unterbringung in gemischten Wohnvierteln, also ideale Bedingungen für Integration. So kann aus dem Druck der Krise ein Aufbruchssignal für die ländlichen Räume werden.

Markus Tressel ist Sprecher für ländliche Räume der Bundestagsfraktion der Grünen.

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