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Flüchtlinge Nur noch wenige fliehen nach Europa

Die Zahlen widersprechen der Debatte: Die meisten Flüchtlinge bleiben in Afrika oder in Asien, nur wenige verlassen ihre Heimatregion. Der FR-Gastbeitrag hält dem Ressentiment Fakten entgegen.

Syrien
Flüchtlinge in Syrien: Die meisten Menschen flüchten nicht nach Europa. Foto: Uncredited (Nabaa Media/AP)

Jeder 7. Mensch auf der Flucht findet in Europa Schutz. Die Antragszahlen der Asylsuchenden in Deutschland gehen nach Auskunft des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) deutlich zurück. Trotz dieser Tatsachen steht Deutschland für viele Menschen kurz davor, eine unvorstellbare Zahl an Schutzsuchenden aufzunehmen. Ein Effekt der aktuellen politischen Debatte ist, dass sich viele Menschen überfordert fühlen. Mehr noch, die Fakten und rationalen Argumente scheinen nicht mehr zu verfangen.

Die Zahlen des UNHCR Reports Global Trends, die jüngst veröffentlicht wurden, beschreiben das weltweite Ausmaß dieser Katastrophe: alle zwei (!) Sekunden musste im vergangenen Jahr ein Mensch fliehen. 68,5 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht.

Die meisten der Geflüchteten finden allerdings keinen Schutz in Europa, sondern sind zu 85 Prozent in Ländern mit dem geringsten Bruttosozialprodukt. In der Regel sind es die unmittelbaren Nachbarländer der Krisenregionen, die die Flüchtlinge aufnehmen und sie auch schon seit Jahren unterstützen.

Begriffe schüren Ressentiments

Wer es sich nach dem Schwarz-Weiß-Muster einfach machen will, verweist auf die Medien. Die Berichterstattung und die Bilder aus 2015 sind uns allen noch präsent. Auf der einen Seite unendlich lange Trecks, die sich zu Fuß in die Sicherheit nach Europa brachten. Auf der anderen Seite eine Berichterstattung, die uns den Eindruck vermittelte, dass sich ausschließlich Facharbeiter und Akademiker auf den Weg zu uns gemacht haben.

Tatsächlich waren die Berichte anfänglich zwiespältig und man konnte den Eindruck haben, dass man dem Publikum die Einordnung dieser großen Herausforderung nicht zutraute. Aber schon sehr schnell haben Medien recherchiert und berichtet. Auch wenn bis heute das Thema Flucht und alle Ereignisse von und mit Geflüchteten in Deutschland immer noch unterschiedlich umgesetzt wird, wird über diese Probleme auch berichtet.

Einen anderen Eindruck hat man von manchen Vertretern aus der Politik. Bis in die aktuelle politische Debatte wird wissentlich auch immer wieder eine Begrifflichkeit in der politischen Sprache eingesetzt, die Ressentiments schürt und so einen wichtigen Beitrag dazu liefert, dass heute eine faktenbasierte Argumentation nicht mehr mit der notwendigen Durchsetzungsstärke wahrgenommen wird.

„Asyltourismus“ und „Antrags-Tourist“

Da ist von „Asyltourismus“ genauso die Rede wie vom „Antrags-Tourist“, den man gleich an der Grenze abweisen solle. Der UNHCR hält mit Fakten dagegen, wenn er deutlich macht, dass pro Monat an den Grenzen weniger als 1000 Menschen Asyl beantragen und nur ein Bruchteil zuvor in einem anderen EU-Land registriert war.

Die Zurückweisung würde somit nur eine kleine Gruppe direkt betreffen, so der UNHCR-Repräsentant in Berlin, Dominik Bartsch. Die Politik steht dabei in ganz besonderer Verantwortung. Der UNHCR, der mit seinen lebensrettenden Einsätzen für die Geflüchteten weltweit aktiv ist, nimmt mit seinem Bericht die weltweite Perspektive ein.

Wir dürfen uns nicht allein auf Deutschland oder Europa beschränken. Der weltweite Blickwinkel auf diese katastrophale Situation einer jährlich größer werdenden Zahl von Menschen, die flüchten müssen und die nachvollziehbar überprüfbaren Fakten müssen deshalb in der Diskussion immer wieder betont werden.

So ist es nicht nur die unvorstellbare Zahl von 68,5 Millionen Geflüchteten weltweit, sondern auch die Tatsache, dass zwei Drittel der Flüchtlinge aus nur fünf Ländern kommen, nämlich aus Syrien, Afghanistan, Südsudan, Myanmar und Somalia haben die meisten Menschen vor der Gewalt Schutz suchen müssen. Länder wie die Türkei, Pakistan oder der Libanon tragen die Hauptlast der weltweiten Fluchtbewegungen. Die eigentliche Krise findet – entgegen der Wahrnehmung vieler Menschen – also nicht bei uns, sondern woanders statt.

Die deutsche Gesellschaft hat nach den Jahren 2015/2016 den großen Stresstest bestanden. Überall sind Initiativen, Vereine oder auch Kommunen aktiv und engagieren sich für Geflüchtete, die bei uns Schutz gefunden haben. Gerade aber dieser Gegensatz zur aktuellen politischen Diskussion macht die Lage so brisant.

Europa hat unter schwerstem politischem Kraftaufwand 2,5 Millionen Flüchtlingen Schutz gewährt. Gleichzeitig beansprucht es für sich, unter höchsten moralischen Ansprüchen für die Menschen einzutreten – damit legt es tief verwurzelte Widersprüche frei, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Allerdings gibt es gerade in dieser Frage die allergrößte Verantwortung aller, die zur öffentlichen Meinung und zur politischen Entscheidung beitragen.

Peter Ruhenstroth-Bauer ist Geschäftsführer der UN-Flüchtlingshilfe, dem nationalen Partner des UNHCR. 

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