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Flüchtlinge in Griechenland Mit dem letzten Geld in die Asyl-Lotterie

Für viele Flüchtlinge in Griechenland sind die Menschenrechte faktisch außer Kraft gesetzt. Ein Erfahrungsbericht von Johanna Mitscherlich, Teil des Nothilfeteams der Hilfsorganisation Care in Griechenland.

12.05.2016 13:33
Johanna Mitscherlich
Flüchtlinge in Athen: Der europäische Kontinent ist viel besser als das Gesicht, das er gerade den Schutz suchenden Menschen zeigt. Foto: dpa

Du dachtest wohl, hier gelten Menschenrechte? Falsch gedacht, hier wirst du wie ein Tier behandelt.“ Mit diesen Worten wurde Kamal von einem Grenzbeamten begrüßt. Der syrische Anwalt aus Aleppo versucht seit Jahren, das Überleben seiner Familie zu sichern. Fünf Jahre waren sie in Syrien auf der Flucht, seine Eltern wurden von einer Bombe getötet. Danach fragte ihn jedoch niemand, als er in einem kleinen Boot in Griechenland ankam, triefend nass und vor Kälte zitternd. Wie etwa 50 000 andere Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak sitzt er jetzt in Griechenland fest.

Die meisten der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder und leben unter elendigen Bedingungen in Camps. Sie wohnen in hoffnungslos überfüllten Unterkünften ohne ausreichenden Zugang zu Sanitäreinrichtungen, Nahrungsmitteln und Schutz. Ich traf hochschwangere Frauen, die auf den kalten, schlammigen Böden inmitten hunderter anderer Menschen schliefen, und Kinder, die unter schweren Atemwegserkrankungen und Krätze litten.

Normalerweise bin ich stolz darauf, Europäerin zu sein, aber in den griechischen Flüchtlingscamps, wo das Ausmaß der unzureichenden Unterstützung sichtbar wird, schämte ich mich einfach nur. Ich habe syrische Flüchtlinge im Irak, im Libanon, in Jordanien, Ägypten, der Türkei, entlang der Balkanroute und in Deutschland getroffen. Ich habe unzählige Geschichten des Leidens gehört. Mehr als sechs Millionen Menschen sind in Syrien auf der Flucht und über fünf Millionen leben unter prekären Bedingungen in den Nachbarländern.

50.000 leben mitten in Europa im Dreck

Doch Griechenland ist nicht weit entfernt und wir sprechen nicht von Millionen. 50 000 sind es, die mitten in Europa im Dreck leben. Nach Schätzungen der EU haben zwischen 35 000 und 40 000 von ihnen das Recht auf Umsiedlung. Bis heute wurden jedoch gerade einmal 881 Menschen in anderen EU-Ländern aufgenommen. Hat also derzeit in Europa die Inhaftierung und Abschiebung Vorrang vor der Sicherheit und Würde gestrandeter Menschen? Die EU hat 500 Millionen Einwohner und ist der größte globale Wirtschaftsraum der Welt. Wie kann es so schwierig sein, einen effektiven Prozess zu beschließen, mit dem die Menschen zügig umgesiedelt werden können? Warum dauert es so lange, die Lebensbedingungen der Flüchtlinge zu verbessern, verantwortungsbewusst auf Grundlage der Menschenrechte zu handeln und das Versprechen, die Menschen umzusiedeln, zu erfüllen?

Wie Kamal konnten viele Flüchtlinge mit dem Prozess der Umsiedlung oder Familienzusammenführung nicht einmal anfangen. Um die Umsiedlung zu beantragen, müssen die Flüchtlinge über Skype anrufen; von Montag bis Donnerstag steht das Büro zwischen 15 und 17 Uhr, freitags zwischen 12 und 17 Uhr zur Verfügung. Anträge auf Familienzusammenführung nimmt eine andere Servicehotline donnerstagmorgens zwischen neun und zehn Uhr entgegen. Bei so einem engen Zeitfenster ist die Leitung hoffnungslos überlastet, denn das Büro kann pro Stunde nur 25 bis 30 Anrufe annehmen. In den meisten Flüchtlingscamps gibt es kein WLAN und die Menschen haben ihre Ressourcen erschöpft. Das Wenige, das sie noch übrig hatten, haben die Familien an Schmuggler gegeben, die sie in Sicherheit bringen sollten.

Ich habe eine Mutter getroffen, die ihre minderjährigen Kinder, die bereits in Deutschland sind, seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen hat. Die Mutter hat ihre letzten 50 Euro für Handyguthaben ausgegeben, um einen Termin für die Familienzusammenführung auszumachen. Es sei wie Lotto spielen, erzählte sie mir. Diese Familien haben den Krieg überlebt, geliebte Menschen verloren und mussten ihr ganzes Leben hinter sich lassen. Wie kann es akzeptabel sein, sie um Geld für ihr Handyguthaben betteln zu lassen in der vergeblichen Hoffnung, in der einen Stunde pro Woche, in der die Asylbehörde zur Verfügung steht, jemanden zu erreichen?

EU-Mitglieder müssen Flüchtlinge aufnehmen

Kurz nachdem der EU-Türkei-Deal beschlossen war und klar wurde, dass die Grenzen geschlossen bleiben, nahm sich Kamals Bruder in Aleppo das Leben. Er rief ihn an und sagte, dass er es nicht länger aushält, darauf zu warten, von einer Bombe getroffen zu werden. Die Grenzschließungen senden eine eindeutige Botschaft an die Menschen, die in Kriegsgebieten gefangen sind, ein Signal an diejenigen, für die die fundamentalen Menschenrechte auf Leben und Asyl scheinbar nicht mehr gelten.

Kamal, seine Frau und die Kinder leben nun bei einer griechischen Familie, die ihr Haus mit ihnen teilt, obwohl sie von der Finanzkrise selbst stark betroffen ist. Es sind die Gastfreundlichkeit der Griechen sowie die Arbeit Tausender Freiwilliger und lokaler Organisationen wie Cares Partner Solidarity Now, die in dieser humanitären Katastrophe die Menschlichkeit hochhalten. Es ist an der Zeit, dass die europäischen Regierungen sich daran ein Beispiel nehmen. Die Lösung dieser vermeidbaren Krise liegt in ihren Händen. Diese reichen Länder besitzen die Mittel und die Expertise, Griechenland zu unterstützen. Es werden dringend zusätzliche Kapazitäten benötigt, um die Situation der Menschen zu verbessern und zehntausende Anträge zu bearbeiten. Es darf keinen weiteren Aufschub geben; die EU-Mitglieder müssen Flüchtlinge in ihren Ländern aufnehmen.

Dann wird Kamal hoffentlich verstehen, dass die Beleidigungen bei seiner Ankunft in Europa keine Grundlage haben. Der europäische Kontinent ist viel besser als das Gesicht, das er gerade den Schutz suchenden Menschen zeigt.

Johanna Mitscherlich arbeitet für die Hilfsorganisation Care Deutschland-Luxemburg. Sie war Teil des Nothilfeteams von Care in Griechenland.

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