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Flucht Der Krieg in Syrien ist nicht vorbei

„Die Letzte, die ging, war meine Mutter“, schreibt der nach Deutschland geflohene Syrer Basheer Alzalaan. „Ich weiß nicht, ob sie noch am Leben ist.“ Ein Gastbeitrag, der die Lage in Syrien in Erinnerung ruft.

Syrien
Zivilisten bringen sich am 3. Dezember in Beit Sawa vor einem Luftschlag in Sicherheit. Foto: afp

 

Ich wuchs in einem kleinen Dorf in Deir ez-Zor im Nordosten Syriens auf. Dort verbrachte ich die meiste Zeit meines Lebens, bis ich an Silvester 2014 nach Deutschland floh. Militante Gruppen hatten die Macht übernommen und Hunderte von Mitgliedern meines Stammes al-Sheitat hingerichtet. Ich fürchtete um das Leben meiner schwangeren Frau und meiner beiden Töchter. Täglich fielen Bomben. Ich verlor den Überblick, wie viele meiner Freunde und Familienmitglieder gestorben sind.

In den folgenden Monaten erzählten mir meine Eltern von öffentlichen Hinrichtungen und Menschen, die lebendig begraben wurden. Ich fürchtete ständig um das Leben meiner Familie. Es gab keine medizinische Hilfe und kaum fließendes Wasser oder Elektrizität.

Auf meiner Flucht lief ich tagelang, machte eine schwierige Bootsüberfahrt nach Griechenland durch und kam durch die gefährliche Transitzone auf den Balkan. Ich bin einer von mehr als fünf Millionen Syrern, die seit Beginn des Konflikts vor mehr als sechseinhalb Jahren aus meinem Heimatland geflohen sind.

Ich bin auch, sagen meine Freunde in Syrien, einer der Glücklichen. Ich floh zu einer Zeit, als ich noch in Deutschland Sicherheit suchen konnte. Nachdem meine Frau und die Kinder monatelang auf ein Visum gewartet hatten, nahmen auch sie die schwierige Überfahrt mit dem Boot auf sich. Auch sie schafften es, bevor die Grenzen geschlossen wurden.

Meine Freunde und Familie, die immer noch in Syrien sind, wissen nicht, wohin sie hin sollen. In dem Dorf, indem ich aufgewachsen bin, lebt kaum noch jemand. Vor ein paar Tagen habe ich mit meinem Freund Mohammed gesprochen, er ist immer noch in Deir ez-Zor mit seiner Familie und seinen vier Kindern.

Er sagt, dass alle Nachbarn gegangen sind und sie die Bombardierungen, Luftangriffe und die Gewalt hören können. Seit vielen Jahren kommunizieren wir nur in einer geheimen Sprache. Um ihn zu fragen, wie es ihm geht, sage ich: „Wie ist dein Feld?“ Wir wissen, dass ihre Telefone abgehört werden und dass jederzeit bewaffnete Gruppen ihr Haus betreten könnten.

In den Nachrichten höre ich immer wieder, dass der Krieg in Syrien fast vorbei sei und es keine Gewalt mehr gebe. Die Nachrichten und Videos, die ich von zu Hause erhalte, erzählen eine andere Geschichte. Die einzigen Menschen, die in den Dörfern übriggeblieben sind, sind diejenigen, die sich keine weitere Flucht leisten können.

Der Weg von Deir-ez-Zor ins sichere Hassakaf kostet eine Familie bis 2000 Euro. Sie müssen Schmuggler bezahlen, um die Kontrollpunkte zu passieren, ihre Kinder in Lastwagen verstecken und verschiedene bewaffnete Gruppen bestechen. Nach Jahren des Krieges sind sie auf Verwandte außerhalb des Landes angewiesen, die ihren Weg in die Sicherheit bezahlen.

Vor ein paar Tagen wurde einer meiner Cousins von bewaffneten Kämpfern gefangen genommen, ein anderer trat auf eine Landmine. Einige meiner Freunde haben mir Videos von ihrer Flucht geschickt. Sie campen in Wüstengebieten, schaufeln grabähnliche Löcher zum Schlafen und bedecken sie mit Decken und Kleidung, um sich vor Hitze und Kälte zu schützen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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