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Filmfestival Cannes Mehr Vielfalt bei Filmen

Die Förderung muss fairer, effektiver und mutiger werden, damit Cannes öfter über deutsche Beiträge jubeln kann.

23.06.2016 12:40
Tabea Rößner

Mit „Toni Erdmann“ gab es nach sieben Jahren endlich wieder einen Film aus Deutschland im Wettbewerb von Cannes. Ich möchte behaupten, dass der Film nicht wegen, sondern trotz der Filmförderung in Deutschland nach Cannes eingeladen wurde. Denn das Filmförderungssystem ist kompliziert und langwierig, die Projekte werden von zu vielen Stellen mitfinanziert, die Drehbücher gehen durch zu viele Hände, zu viele Akteure reden mit – da kommen nicht unbedingt die besten Filme am Ende raus.

Damit „Toni Erdmann“ kein Einzelfall bleibt, gibt es bei der Filmförderung reichlich Nachbesserungsbedarf. Doch der neue Regierungsentwurf kommt ganz schön kraftlos und schal daher. Einige Änderungen weisen zwar in die richtige Richtung, beispielsweise sollen der barrierefreie Zugang zum Film verbessert oder ökologische Aspekte bei der Produktion berücksichtigt werden. Dennoch werden, sollte das Gesetz so durch den Bundestag gehen, auch zukünftig vor allem diejenigen benachteiligt, denen die Filmförderung eigentlich dienen sollte: die Kreativen. Das zeigte die Anhörung im Kulturausschuss des Bundestags am Mittwoch mit Sachverständigen aus der Filmbranche, darunter auch Janine Jackowski, Produzentin von „Toni Erdmann“, sehr deutlich. Eine Kulturpolitik, die die kulturelle Vielfalt in einer offenen Gesellschaft stärken will, muss Rahmenbedingungen für größtmögliche künstlerische Freiheit schaffen.

Der Gesetzesentwurf behebt die beiden meistkritisierten Schwachstellen des Fördersystems nicht: dass sich auch erfolgreiche Regisseur/innen immer wieder neu beweisen müssen, und das Gießkannenprinzip, nach dem viele Projekte wenig gefördert werden. Eine Lösung könnte sein, für einen Teil des Fördertopfes ein vereinfachtes und automatisiertes Antragsverfahren für erfolgreiche Filmemacher/innen zu installieren.

Der Gesetzentwurf sieht eine Verkleinerung der Vergabegremien bei der Filmförderungsanstalt (FFA) vor, was grundsätzlich richtig ist. Allerdings sollen dem Entwurf zufolge in den Fünferrunden mindestens drei Vertreter/innen von den Verwertern kommen. Das hieße aber, dass Förderentscheidungen über kreative Projekte in Zukunft mehrheitlich von Verwerter/innen getroffen würden, zu denen auch die Fernsehsender zählen. Neben einem Platz für Produzent/innen ist nur ein Platz für „sonstige Vertreter“ vorgesehen, also für Regisseur/innen oder Drehbuchautor/innen. Diese Vorgaben halte ich für falsch. Entweder man würfelt die Gremien komplett zufällig zusammen – und dann kann mal eine Mehrheit von Verwertern und mal von Kreativen zustande kommen -, oder aber zwei Plätze gehen direkt an die Kreativen. Filme sollten vorrangig fürs Kino gemacht werden. Daher sollte der Einfluss und die Gängelung der Filmschaffenden durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten reduziert werden.

Wie was wann wo mit wie viel gefördert wird, wie viel Geld zurückgezahlt wird, diese Zahlen scheinen streng geheim zu sein. Meine Kleine Anfrage zu Rückzahlungen von Fördermitteln hat offengelegt, wie mangelhaft die statistische Auswertung der Förderungen bei der FFA ist. Aber nur mit dieser Auswertung kann eine Erfolgsbewertung stattfinden und das Fördersystem verbessert werden. Die FFA sollte daher dringend verpflichtet werden, ein zentrales Register mit allen relevanten Zahlen für die von ihr verwalteten Filmförderungen anlegen.

Frauen vor der Kamera gibt es genug – auch wenn ihre Rollen allzu häufig den Bechdel-Test nicht bestehen, nach dem zwei Protagonistinnen über etwas anderes sprechen müssen als einen Mann. Hinter den Kulissen allerdings sieht es mau aus. Es muss deshalb im Gesetz die Veröffentlichung eines jährlichen, quantitativen Berichts festgeschrieben werden, der insbesondere Details über die Beteiligung von Frauen und Männern in den geförderten Filmprojekten aufweist. Denn ein Gedanke lässt mich seit dem Cannes-Erfolg von Regisseurin Maren Ade nicht mehr los: Vielleicht hat dem deutschen Film nichts so sehr gefehlt wie Frauen.

Von Frauen inszenierte, produzierte und geschriebene Filme sind bei der Förderung immer noch deutlich unterrepräsentiert. Besonders dramatisch ist die Unterrepräsentanz im Fach Regie: Nur unter 20 Prozent der geförderten Filme sind von Regisseurinnen. Dabei tragen gerade Filme, die aus weiblicher Perspektive gedreht werden, zur Vielfalt bei. Die paritätische Besetzung der Vergabegremien, wie zukünftig vorgesehen, werden diesen Missstand leider nicht beheben, denn Frauen fördern nicht automatisch Frauen. Wir brauchen daher Zielvorgaben für die FFA: In den ersten drei Jahren nach Inkrafttreten des Gesetzes sollen 40 Prozent der bewilligten Projekte unter Beteiligung von Regisseurinnen und 50 Prozent der bewilligten Projekte unter Beteiligung von Frauen in der Produktion und beim Drehbuch entstehen.

Die Arbeitsbedingungen im Filmbereich sind allzu häufig prekär. Deshalb sollten die Antragsteller/innen in Zukunft eine Selbstverpflichtung zu sozialen Bedingungen der Produktion wie bei Arbeitszeiten oder Bezahlung abgeben. Erfüllen sie diese selbstgesetzten Standards nicht, kann sich dies nachteilig auf die nächste Förderzusage auswirken. So kann sich ein positiver Druck entwickeln, der zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen am Set führt. Die Filmförderung sollte fairer, effektiver und mutiger werden – damit Cannes den nächsten deutschen Beitrag nicht erst 2023 bejubeln kann.

Tabea Rößner ist Sprecherin für Medienpolitik und Kreativwirtschaft der Bundestagsfraktion der Grünen.         

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