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Elektroautos Wie Phönix aus der Asche?

Kann der Umbau der Automobilbranche gelingen, damit auch künftig hierzulande viele Menschen einen Arbeitsplatz haben? Der Gastbeitrag.

E-Autos
Liegt in den Elektroautos die Zukunft? Foto: dpa

In der Automobilindustrie der Zukunft wird wenig bleiben, wie es war – die Ära des Verbrennungsmotors geht dem Ende zu. Dieses Ende haben Teile der deutschen Automobilindustrie durch den Dieselskandal beschleunigt. Das ist mit Blick auf das Ziel sauberer Städte zu begrüßen. Im Sinne der Nachhaltigkeit wäre aber eine Betrachtung des Produktions- und Lebenszyklus geboten. Die ausschließliche Betrachtung der Schadstoffbilanz verzerrt den Blick auf die Herausforderung. Nebenbei bemerkt: Auch andere Klimasünder geraten aus dem Blick: Laut Naturschutzbund (Nabu) haben die 15 größten Schiffe der Welt den Schadstoffausstoß von 750 Millionen Autos.

Millionen Arbeitsplätze hängen an der Autobranche

Die Bedeutung des Verbrennungsmotors für fast eine Millionen Arbeitsplätze stellt uns vor eine Mammutaufgabe. Jahrzehntelang haben die Autowerker unseren Wohlstand mit aufgebaut. Es darf uns nicht egal sein, was aus ihnen wird. Wir müssen die Beschäftigten und den Wohlstand in das Zeitalter der neuen Mobilität mitnehmen. Lange hat sich die Branche der Entwicklung verschlossen. Trotzdem können wir zuversichtlich sein. Die Unternehmen, die Gesetze gebrochen und allein in den letzten sechs Jahren Gewinne über 190 Milliarden eingestrichen haben, stehen in der Verantwortung mit den Gewerkschaften den Strukturwandel zu gestalten.

E-Autos sind weniger komplex. Besteht ein Verbrennungsmotor aus 1400 Teilen, benötigt ein Elektromotor nur 200 Teile. Der Herstellungsprozess muss sich aber dem modernen Auto und den Erfordernissen des Industriestandorts anpassen, nicht umgekehrt. Wir brauchen etwa eine Batteriefertigung. Wir müssen die Wertschöpfungskette des E-Autos bei uns aufbauen und dafür sorgen, dass Autos weiter hier produziert werden. Beschäftigte wissen, dass ihre Zukunft nicht im Verbrennungsmotor liegt. Sie erwarten aber, dass sie eine neue Aufgabe bekommen und dafür qualifiziert werden.

Heutige E-Autos nicht das Ende der Entwicklung

Um Anschluss zu halten, müssen wir Innovation fördern und forschen. Auch künftig entscheidet technischer Vorsprung über den Erfolg. Die heutigen E-Autos sind nicht das Ende der Entwicklung, so wie der Patent-Motorwagen Nummer 1 von Carl Benz nur der Beginn einer Ära war. Gleichzeitig müssen wir in der Übergangsphase ideologische Scheuklappen ablegen. Während anderswo auf der Welt Staatskapitalismus herrscht, schreiten hierzulande bei jeder Kooperation zwischen öffentlicher Hand und Industrie die Wettbewerbshüter ein. Das wird nicht bleiben können. Zugleich wird die Verkehrswende der größte Transformationsprozess unserer Generation. Es kann nicht sein, dass Industrie und Staat sich beim Aufbau der Ladesäulen wechselseitig für unzuständig erklären. Das gefährdet den Standort.

Ein Bekenntnis zu Industriearbeitsplätzen heißt aber auch, Potenziale in angrenzenden Branchen zu nutzen. Die E-Mobilität wird den Ausstieg aus der fossilen Stromerzeugung beschleunigen. Da gilt: In einer Kilowattstunde Wind- oder Solarenergie stecken mehr Arbeitskraft und Wertschöpfung als in Atomstrom. Auch deswegen ist die Energiewende wichtig.

Letztlich sind E-Autos fahrende Stromspeicher. Windenergie, die abends gewonnen, aber nicht gebraucht wird, könnte dort gespeichert werden und stünde morgens für den Weg zur Arbeit zur Verfügung. Jemand wird die neuen Anlagen dafür bauen. Jemand wird das Tankstellennetz für die E-Autos aufstellen. Hunderttausende gut bezahlte, qualifizierte Jobs können entstehen, wenn wir es richtig angehen.

Umbrüche verursachen oft Unsicherheit. Nicht wenige fanden bei der Einführung des Autos: Menschen sollten sich nicht schneller bewegen als in einer Pferdekutsche. Heute sind Schnellstraßen selbstverständlich. Neue Technologien sollen unser Leben besser machen, nicht schlechter. Der industrielle Fortschritt, der Fortschritt in Wissenschaft und Forschung hat dazu geführt, dass wir heute besser, gesünder und länger leben als unsere Vorfahren.

Die Arbeitswelt wird sich auch durch diese industrielle Entwicklung verändern. Entscheidend ist am Ende aber nicht, ob jemand in zehn Jahren der gleichen Aufgabe nachgeht wie heute, sondern, dass es eine Aufgabe für jeden gibt. Das ist unser Anspruch. Und das ist die Herausforderung für den Umbau der Automobilindustrie.

Carsten Bätzold ist Vorsitzender des Betriebsrates im VW-Werk Baunatal sowie Mitglied des VW-Konzernbetriebsrates.

Thorsten Schäfer-Gümbel ist Fraktionsvorsitzender der SPD im Hessischen Landtag und Chef der hessischen SPD.

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