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El Niño Die Trockenheit wird noch viel schlimmer

El Niño sorgt in Afrika für die härteste Dürre seit langem. Die Weltgemeinschaft muss Schlimmes verhindern. Ein Gastbeitrag.

11.08.2016 13:49
Marc Nosbach
Einige Länder Afrikas erleben gerade die härteste Dürre der letzten 35 Jahre. Der Grund: Wetterphänomen El Niño. (Archivbild) Foto: REUTERS

Für viele ist El Niño ein abstrakter Begriff, etwas, das höchstens an anstrengende Erdkundestunden erinnert. Dabei ist El Niño ein Wetterphänomen, das recht einfach zu erklären ist: Es wird durch warmes Wasser, welches vom westlichen Pazifik nach Osten strömt, hervorgerufen. Im Süden von Afrika sind über 40 Millionen Menschen von den Auswirkungen betroffen. Menschen in Ländern wie Madagaskar, Malawi oder Mosambik erleben gerade die härteste Dürre der letzten 35 Jahre.

In einigen Regionen fiel in der letzten Zeit kaum Regen. Pflanzenanbau und Viehbestand sowie die Getreidepreise und die Wasserversorgung sind davon spürbar betroffen. Denn drei Viertel der Bevölkerung im südlichen Afrika leben in ländlichen Regionen und sind abhängig von der Landwirtschaft und ihrer Nahrungsproduktion. Die regionale Getreideernte ist um 23 Prozent zurückgegangen. Die Hälfte der Bevölkerung im südlichen Afrika lebt von weniger als 90 Cent am Tag. In Mosambik, wo ich die Arbeit von Care verantworte, kämpfen beinahe zwei Millionen Menschen ums Überleben. Durch den Klimawandel verschärft, trifft El Niño die Ärmsten am härtesten.

Die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (engl.: SADC) drängt auf internationale Unterstützung. Sie rief zur humanitären Hilfe ihrer Mitglieder von knapp zwei Milliarden Euro auf. Schon im April hatten die Regierungen von Mosambik, Malawi und Simbabwe den nationalen Notstand ausgerufen. Das Ausmaß der Dürre übersteigt die staatliche Handlungsfähigkeit. Afrikanische Regierungschefs machen aus ihrer Hilfsbedürftigkeit keinen Hehl und fordern laut und deutlich, dass es der Unterstützung bedarf, damit diese immense Trockenheit nicht noch weiteres Leid über die Menschen bringt.

Obwohl El Niño als Wetterereignis seinen Höhepunkt überschritten hat und sich abschwächt, bleiben die Folgen akut. Während der Trockenzeit zwischen Oktober und März werden weitere Millionen Menschen Hunger leiden, ihre Ernten sind komplett zerstört. Dadurch haben viele ihre Arbeit und somit ihre Existenzgrundlage verloren. Sie haben keine Lebensmittelvorräte und mussten ihre Tiere verkaufen.

Ein Drittel aller HIV-infizierten Menschen lebt im südlichen Afrika. Mit leerem Magen können sie nicht behandelt werden. Den Weg zur Behandlungsstation können sie sich nicht mehr leisten. Letztere müssen in einigen Gegenden nun ohne Wasser auskommen. Gleichzeitig wurden zehntausende Fälle von Cholera gemeldet und auch andere ansteckende Krankheiten könnten sich aufgrund des Wassermangels und der unzureichenden Hygiene ausbreiten. All diese Faktoren zusammen können ohnehin bereits arme Gemeinschaften letztlich an den Abgrund bringen.

Vor Hunger ohnmächtig

In Mosambiks Provinz Inhambane erzählte mir eine Mutter, dass ihre Kinder nicht mehr zur Schule gehen könnten. Sie würden vor Hunger ohnmächtig. Sie denkt darüber nach, ihre zwölfjährige Tochter zu verheiraten, weil sie nicht weiß, wie sie sie ernähren soll. Andere Kinder verbringen nach der Schule Stunden damit, Wasser und Nahrung zu beschaffen. Frauen und Mädchen sind von dieser Krise besonders betroffen.

Die internationale Gemeinschaft muss dringend ihre Finanzierung und Unterstützung aufstocken, nicht nur um Leben zu retten, sondern auch um zusätzliche irreversible Schäden durch El Niño und die Dürre im südlichen Afrika zu verhindern. Beinahe die Hälfte der Kinder in Mosambik ist bereits in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Die meisten Kinder können ihre vollen geistigen und physischen Kräfte nicht mehr entwickeln, weil sie hungern.

Der letzte folgenschwere El Niño vor fast 20 Jahren kostete rund 21 000 Menschen das Leben. Seine weltweite Zerstörung wurde auf rund 32 Milliarden Euro geschätzt. Oft werde ich gefragt, warum Organisationen sich nicht besser vorbereiten; warum wir den Nöten der Menschen nicht mehr Aufmerksamkeit widmen, ehe die Katastrophe einschlägt.

Die Wahrheit ist: wir tun es. Schon vor über einem Jahr warnten wir davor, dass Länder wie Mosambik hart getroffen werden würden. Wir forderten engere Zusammenarbeit mit den Gemeinden, um ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken und zukünftige Schocks besser zu bewältigen. Die gute Nachricht ist, dass es Wege gibt, Menschen besser auf Dürreperioden vorzubereiten. Familien, die moderne landwirtschaftliche Praktiken erlernen und mit dürreresistentem Saatgut ausgestattet werden, sind weitaus besser in der Lage, sich auch in Dürrezeiten zu ernähren und Rücklagen zu schaffen.

Wir wissen, dass Anpassung an den Klimawandel funktioniert. Aber Care und andere Organisationen haben einfach nicht die ausreichenden finanziellen Mittel, um allen Menschen in Not zu helfen. Die traurige Wahrheit ist, dass die internationale Gemeinschaft, dass Regierungen und sonstige Geldgeber derzeit scheinbar nicht die Dringlichkeit begreifen, was das „Modewort“ El Niño eigentlich für die Menschen hier bedeutet.

Beinahe, so scheint es, herrscht sogar das Verständnis vor, dieses Phänomen sei etwas, das man in Afrika gewöhnt sei. Doch hungernde und verhungernde Menschen sollten niemals etwas sein, an das wir uns in Afrika gewöhnen. Entwicklungsziele in diesem Teil der Welt wurden in den letzten Jahren hart erkämpft. Allerdings werden diese Erfolge ohne sofortiges Handeln schnell wieder zunichte gemacht. Sie später einmal wieder hervorzubringen, wird Jahrzehnte dauern und umso teurer werden. Sofortiges Handeln ist notwendig. Das erspart Kosten und Leid.

Marc Nosbach ist Landesdirektor der Hilfsorganisation Care in Mosambik.

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