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Christentum Keine „Auferstehung“ im wissenschaftlichen Sinn

Was hat die Auferstehung mit Freiheit und Hoffnung zu tun? Als Erwiderung auf unsere Kolumne „Hashtag Auferstehung“ argumentiert der Gastbeitrag gegen eine antireligiöse und atheologische Aufklärung.

Ostern
Osterfeuer in Norddeutschland. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Das Wetter war schlecht, der Dortmunder Tatort grauslig und die Weltlage angesichts des türkischen Verfassungsreferendums selten so düster wie an diesen Ostern. Christen, ja es gibt sie noch – über 45 Millionen deutsche Kirchenmitglieder, von denen mehr als die Hälfte an die Auferstehung glaubt und Weihnachten wie Ostern die Gotteshäuser aufsucht –, hätten sich vielleicht ihre Osterfreude dennoch nicht vermiesen lassen, wären sie nicht in der Presse einem beispiellosen Sperrfeuer von rechts und links ausgesetzt gewesen.

Die „Weltwoche“, „Spiegel online“ und die „FAZ“ missbrauchten den 90. Geburtstag Benedikts XVI., um neben der Würdigung des „Theologenpapstes“ seinem von ihm geschätzten und inner- wie außerhalb der Kirche verehrten Nachfolger Papst Franziskus „Selbstsäkularisierung“, „pastorale Ungenauigkeit“ und andere Übeltaten vorzuwerfen. Die Autoren erträumen sich eine feudale Dogmenkirche, die von den meisten Gläubigen gar nicht gewollt wird. In der FR hingegen wurden Auferstehung und Osterfest gleich komplett infrage gestellt und anhand abwegiger Minderheitenbeispiele lächerlich gemacht. Im Visier war dabei die „evangelistische Facebook-Kampagne #DarumOstern“ (1212 likes) – gemeint ist wohl die in Deutschland verschwindend kleine „evangelikale“ Minderheit. Es scheint naheliegend, mit Verweis auf eine theologisch tatsächlich indiskutable Splittergruppe, jahrhundertelang diskutierte und kritisch befragte Grundannahmen des christlichen Glaubens infrage zu stellen. Aber so einfach ist das nicht!

Ist es also wirklich widervernünftig, dem mit Geist und Seele ausgestatteten Menschen eine Existenz über seine bloß materiellen Bedingungen hinaus zuzubilligen? Bereits das Judentum erkannte, dass ein ewiger und seine Schöpfung liebender Gott – der nicht wie im griechisch/römischen Götterhimmel allzu menschliche Züge tragen konnte und also gerade keine Projektion menschlicher Allmachtsfantasien mehr war – den Tod des Menschen und seiner Schöpfung nicht wollen kann. Dass der gewaltlos und sündlos geglaubte Jesus Christus als idealer Mensch zugleich diese göttliche Liebe verkörpert und dennoch qualvoll am Kreuz stirbt, ist nicht nur dem Apostel Paulus von Anfang an Torheit und Ärgernis. Die Jünger und Jüngerinnen sind verängstigt und ratlos, in Gefahr den gerade erst von Jesus geweckten Glauben an die alles überwältigende Macht von Liebe und Freiheit wieder zu verlieren. Kein Theologe würde heute eine im naturwissenschaftlichen Sinne erfolgte „Auferstehung“ Jesu behaupten. Was sollte das auch sein? Die Bibel berichtet ja von Geisterscheinungen, von verbalen Ermutigungen („fürchtet euch nicht“) und sinnstiftenden Deutungen seines aus Liebe geschehenen Todes und des Abendmahles in der Emmaus-Erzählung.

Es sind ausgerechnet die Frauen, die am Grab offenbar eine grundstürzende Erfahrung von Leben und Hoffnung machen. Diese finden wir heute in biblische Erzählungen gekleidet vor – eine Form der Wahrheit, die nicht im engen Sinne wissenschaftlich ist. Die uns aber gerade schmerzlich fehlt, etwa wenn eine sinnstiftende Erzählung von Europa oder der notwendigen Zuwendung zu hilflosen Fremden gefordert wird.

Ist es nicht etwas sehr Ähnliches, was sich im Flüchtlingsengagement, beim Pulse of Europe oder bei den Ostermärschen in ebenfalls augenscheinlich unvernünftigen performativen Ritualen entwickelt, wo sich scheinbar „sinnlose“ Hoffnung gruppenbildend „verkörpert“? Ähnliches geschah auch am Grab und geschieht in den Kirchen, wenn sich im dunklen Raum das Licht der Osterkerze verbreitet und so ein starkes Bild dafür entsteht, dass es nicht sinnlos ist, auf eine ganz geklärte und vollkommene Zukunft der eigenen und fremden Identität zu hoffen.

Und das ist keine rein kirchliche oder theologische Fantasie. Helden der philosophischen Aufklärung wie Immanuel Kant, Max Horkheimer und Walter Benjamin haben den Glauben an eine unsterbliche Seele für unabdingbar gehalten für ein Leben gemäß dem Sittengesetz oder für den revolutionären Kampf. Ohne die Postulate der praktischen Vernunft, Gott, Freiheit und unsterbliche Seele läuft nach Kant die Erfüllung des Sittengesetzes und damit eine nichtwölfische menschliche Existenz schlicht ins Leere.

Benjamin schreibt Geschichte nicht als Geschichte der endgültigen Sieger, sondern rekonstruiert sie als Leidensgeschichte der Welt. Solidarität erweist sich bei Benjamin auch über die zeitliche Grenze des menschlichen Todes hinaus als Solidarität mit den in der Vergangenheit Erschlagenen. Er schreibt 1937 an Horkheimer: „Das Eingedenken kann das Unabgeschlossene, das Glück, zu einem Abgeschlossenen und das Abgeschlossene (Leiden) zu etwas Unabgeschlossenem machen. Das ist Theologie; aber im Eingedenken machen wir die Erfahrung, die uns verbietet, die Geschichte grundsätzlich atheologisch (also abgeschlossen, nicht veränderbar) zu begreifen.“ Hier wird ein ganz irdisch revolutionäres Gedenken an die unschuldig Gestorbenen der Geschichte (etwa im spanischen Bürgerkrieg) gefordert und zwar ausdrücklich in theologischen Kategorien, also nach Maßgabe einer als möglich gedachten Auferstehung.

Dass so etwas an einem „stillen Tag“ wie dem Karfreitag sogar für Nichtchristen bedenkenswert sein könnte, kommt der überzeugt laizistischen Kolumnistin leider nicht in den Sinn. Hier wurde versucht, aufgeklärte Christen darüber aufzuklären, dass sie qua Religion nicht aufgeklärt sein können, da ja Aufklärung natürlichermaßen atheologisch und antireligiös sein müsse. Ganz so ist es dann doch nicht.

Professor Joachim Valentin ist Direktor des „Haus am Dom“ in Frankfurt.

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