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Bundeswehr Militärischer Schnupperkurs

Für eine freiwillige Dienstpflicht gibt es im Kern nur einen Grund: Nachwuchs für die Bundeswehr zu bekommen. Das ist zu wenig. Der Gastbeitrag.

Bundeswehr
Rekruten der Bundeswehr beim Militärtraining. Foto: rtr

Die Forderung nach der Einführung einer einjährigen Dienstpflicht wird von ihren Verfechterinnen und Verfechtern mit viel Emphase vorgebracht. Junge Menschen könnten über ein „Gesellschaftsjahr“ ihrem Land „etwas zurückgeben“ und dadurch den Zusammenhalt im Land stärken. Eine Dienstpflicht für alle könnte zur Entwicklung der „Persönlichkeit“ beitragen, die durch Turboabitur und Studienzeitverkürzung auf der Strecke geblieben sei. Junge Menschen könnten während dieser Dienstpflicht lernen, früh „Verantwortung zu übernehmen“ und für „andere einzustehen“.

Die Verfechter geben dabei viele Orte an, an denen Heranwachsende ein solches verpflichtendes Dienstjahr ableisten könnten – in der Pflege, bei der Feuerwehr, in der Bundeswehr, im Naturschutz oder in der Entwicklungshilfe.

Allerdings kann diese Vielfalt an Möglichkeiten und Begründungen nicht darüber hinwegtäuschen, das es einen einzigen Grund gibt, weswegen Politiker der CDU das Konzept der Dienstpflicht für junge Männer und Frauen reaktiviert haben: die eklatanten Probleme der Bundeswehr, ausreichend Personal zu gewinnen.

Es ist in der Bundeswehr ein offenes Geheimnis, dass trotz teurer Werbekampagnen, trotz einer erheblichen Absenkung der Leistungsanforderungen und trotz eines Anhebens der Anreizmechanismen Jahr für Jahr Tausende von jungen Menschen zu wenig für den Dienst an der Waffe gewonnen werden können.

Schon in den Jahren vor ihrer Aussetzung, die einer Abschaffung gleichkommt, hatte die Wehrpflicht einen großen Teil ihrer Funktionen verloren. Militärisch war eine Wehrpflicht nicht mehr sinnvoll, als Vorbeugungsmaßnahme gegenüber Militärputschen nicht mehr nötig und als „Schule der Nation“ für junge Männer spätestens in dem Moment ungeeignet, in dem ein Großteil von diesen sich für einen Zivildienst entschied.

Die Wehrpflicht hatte damals nur noch eine einzige Funktion – junge Männer wurden Monate auf ihre Eignung für die Armee geprüft und – wenn es aus Sicht der Bundeswehr gut lief – für eine längere Tätigkeit in der Armee gewonnen. Im Gegensatz zu Schulbesuchen, Berufsmessen oder „Tagen der offenen Kasernen“ hat man als Rekrutierer nicht wenige Stunden oder gar Minuten um junge Menschen von der Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber zu überzeugen, sondern mehrere Monate. Letztlich blieben immer genug hängen, um die Sollstärke der Bundeswehr zu erfüllen.

Um diese Funktion zu erfüllen, konnte die Dauer der Wehrpflicht in einer solchen Geschwindigkeit reduziert werden, dass man sich manchmal wunderte, dass die Wehrpflichtigen selbst noch wussten, wie lange sie in der Kaserne zu dienen hatten. Waren es zu Zeiten den Kalten Krieges in der Bundesrepublik Deutschland fünfzehn und in der DDR achtzehn Monate, wurde diese Zeit dann nach der Wiedervereinigung erst auf zwölf, dann auf zehn und schließlich auf sechs Monate reduziert.

Rumballern auf dem Truppenübungsplatz

Das Problem war jedoch damals schon, dass eine solche – aus der Perspektive der Bundeswehr sehr wohl nachvollziehbare – Funktion der Wehrpflicht nicht offen kommunizierbar war. Für die Wehrpflicht mit ihren zwar zeitlich befristeten, aber weitgehenden Eingriffen in die Freiheitsrechte braucht man gute Gründe.

Kein Verfassungsgericht würde ein militärisches Schnupperpraktikum als Begründung für die Wehrpflicht akzeptieren. Wählerinnen und Wählern ist nicht vermittelbar, dass die Zwangsrekrutierung junger Leute lediglich dazu dient, geeignetes Personal für die Bundeswehr anzuwerben.

Könnte man die zentrale Funktion eines Dienstjahres für die Personalrekrutierung der Bundeswehr offen kommunizieren, würde ein zwangsweises Schnupperpraktikum von ein paar Wochen ausreichen. Ein bisschen Rumballern auf dem Truppenübungsplatz, einige Tage Manöver in der freien Natur und die eine oder andere pflichtweise Belehrung darüber, welche Chancen, aber auch welche Risiken eine Ausbildung zum professionellen Soldaten mit sich bringt – mehr bräuchte es nicht.

Dienstpflicht als Rekrutierungsinstrument

Viele würden dann nach diesen wenigen Wochen bei der Bundeswehr der Armee den Rücken kehren, aber der eine oder die andere würde nach dem Schnupperpraktikum wahrscheinlich hängen bleiben. Die Bundeswehr bräuchte also eigentlich nur ein Dienstpraktikum von ein paar Wochen.

Das Problem eines solchen radikal verkürzten Praktikums wäre dann, dass die zentrale Funktion der Dienstpflicht als Rekrutierungsinstrument offensichtlich würde und diese damit dann letztlich doch nicht mehr zu rechtfertigen wäre.

Stefan Kühl ist Professor für Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld. Er berät außerdem Ministerien, Armee und Polizei.

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