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Bildung Weg mit den Hürden zwischen Lehre und Studium

Das Entweder-Oder von dualer Ausbildung und Studium ist nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen vernetzt denken.

25.01.2017 15:39
Daniel May

Der mittlere Bildungsabschluss ist für viele junge Menschen eine Zäsur: Sie und ihre Eltern fragen sich, wie es weitergehen soll. Immer mehr entscheiden sich gegen eine Berufsausbildung und dafür, zunächst weiter die gymnasiale Oberstufe, die Fachoberschule oder ein berufliches Gymnasium zu besuchen. Dahinter steckt oft nicht die konkrete Idee, ein bestimmtes Studium anzustreben. Häufig geht es einfach um den Wunsch, sich alle Möglichkeiten offenzuhalten.

Pamela Schröder vom Fachverband Elektro- und Informationstechnik hat jüngst an dieser Stelle beklagt, dass zu wenige Schülerinnen und Schüler eine duale Ausbildung wählen, obwohl die Berufschancen dort deutlich besser seien als die vieler Akademiker. Sie macht dafür ein schlechtes Image der beruflichen Bildung verantwortlich und tut ihrerseits manche Studiengänge als fruchtlose „Orchideenfächer“ ab.

Es stimmt, dass der duale Ausbildungsgang oft zu Unrecht als weniger erfolgversprechend betrachtet wird. Aber gerade deshalb hat es keinen Sinn, akademische und berufliche Bildung gegeneinander auszuspielen. Es ist viel wichtiger, endlich das „Entweder-Oder“ zwischen beruflicher und akademischer Bildung aufzulösen. Sowohl in den Köpfen als auch in der Realität müssen die Stoppschilder und die Hürden weg, die den Wechsel von einem Weg auf den anderen behindern.

Wir müssen vernetzter denken: Hochschulen können erheblich von der Perspektive junger Menschen profitieren, die eine berufliche Bildung genossen haben. Betriebe haben einen Nutzen davon, wenn der vormalige Lehrling ein Bachelor-Studium beginnt, möglicherweise sogar dual im Betrieb, und dadurch wichtiges Wissen aus der Forschung in die Firma bringt. Und junge Menschen können sich viel freier ihren Weg überlegen, wenn ihnen auch später noch alle Richtungen offen stehen.

In Hessen hat die schwarz-grüne Koalition deshalb einen neuen Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte geschaffen. In einem Modellversuch können nun auch jene studieren, die eine mindestens dreijährige Berufsausbildung absolviert und dabei einen Notenschnitt von 2,5 oder besser erreicht haben. Das bietet einer 15-Jährigen, die überlegt, was sie nach der zehnten Klasse tun will, eine neue Perspektive: Sie kann erst einmal einen Beruf erlernen und sich danach immer noch für ein Studium entscheiden – ohne Zeitverlust. Wir geben jungen Menschen ein deutliches Signal: Du schaffst dir keine Hindernisse in deiner Bildungsbiografie, wenn du kein Abitur anstrebst.

Die berufliche Ausbildung ist immens wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes; der Modellversuch für den Hochschulzugang soll sie ausdrücklich stärken. Denn es ist keine Glorifizierung des akademischen Weges, wenn die Berufsausbildung durch die Perspektive eines Studiums attraktiver wird. Die erhöhte Bildungsaspiration – also der Wunsch junger Menschen nach einer qualifizierten Ausbildung – ist insgesamt ein großer Gewinn für unsere Gesellschaft. Technische Entwicklungen, Digitalisierung, Globalisierung verändern die Arbeitswelt, deshalb werden gut ausgebildete Fachkräfte immer wichtiger, sowohl im beruflichen als auch im akademischen Bereich. Beide werden Elemente des anderen übernehmen müssen, um Absolventinnen und Absolventen zukunftsfähige Abschlüsse zu ermöglichen.

Allerdings reicht es nicht, den Zugang zum Hochschulstudium nur formal zu öffnen. Wer mit 15 Jahren überlegt, zunächst eine Ausbildung zur Elektrikerin zu beginnen, und sich ein späteres Studium der Elektrotechnik oder auch – warum nicht? – der Kulturwissenschaften offenhalten will, muss sicher sein können, dann nicht vor unüberwindlichen faktischen Hürden zu stehen.

Deshalb braucht die junge Elektrikerin beim Wechsel in ein Studium gute Übergangsangebote. Eine Berufsausbildung legt andere Schwerpunkte als der Unterricht der gymnasialen Oberstufe, und das soll auch so bleiben. Damit beruflich Qualifizierte an den Hochschulen wirklich gut ankommen, müssen diese Angebote wie Brückenkurse oder Programme wie das Studium in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ausbauen. Auch für jene, die im Studium feststellen, dass eine berufliche Bildung besser zu ihnen passt, wollen wir in Hessen gezielte Übergangsangebote entwickeln.

Auch die Schulen müssen anders beraten und informieren, als sie es gewohnt sind. Traditionell bereitete das Gymnasium für ein Studium an einer Universität vor. Inzwischen besuchen 174 810 Schülerinnen und Schülern einen gymnasialen Bildungsgang, gut die Hälfte der 343 030 Schülerinnen und Schüler an Hessens weiterführenden allgemeinbildenden Schulen. Weil dieser Anteil so stark gewachsen ist, muss Berufsorientierung auch am Gymnasium viel stärker die Möglichkeiten der beruflichen Ausbildung betonen.

Es hilft nichts, darüber zu jammern, dass Eltern, Schülerinnen und Schüler Bildung anders nachfragen als früher oder anders, als mancher in Wirtschaft und Politik es sich wünscht. Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern treffen individuelle Entscheidungen, weil sie ihre Zukunft planen. Das ist kein Grund für Kritik, sondern zur Freude. Eine gute Bildungspolitik nimmt solche gesellschaftlichen Entwicklungen auf und begegnet veränderten Erwartungen mit neuen Angeboten. Bildung ist und bleibt der wichtigste Faktor für die Entwicklung unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft und jedes einzelnen jungen Menschen.

Daniel May ist hochschulpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Hessischen Landtag.

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