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Bekleidungsindustrie China – Made in Italy

Firmen aus China haben die Arbeitsbedingungen der italienischen Industrie für Bekleidung verdorben. Das muss sich ändern. Der Gastbeitrag von Renate Künast.

24.06.2016 13:55
Renate Künast
Models auf der Fashion Week: Die Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie werden schlechter. Foto: dpa

Das Industrieviertel Macrolotto in Prato war ursprünglich Kerngebiet der italienischen Stoff- und Bekleidungsproduktion. Doch die Globalisierung und der damit einhergehende Wettbewerb forderten von der Textilstadt Prato ihren Tribut. Mit der Verlagerung der europäischen Textilproduktion nach China warben italienische Industrielle umgekehrt seit den 90er Jahren Chinesen als „billige“ Textilarbeiter für Prato an. Die Stadt hat heute bei einer Einwohnerzahl von etwa 191 000 über 16 000 gemeldete und geschätzt weitere 20 000 – 40 000 nicht gemeldete chinesische Einwohner.

Macrolotto hat in 15 Jahren eine radikale Veränderung von italienischen zu heute fast ausnahmslos chinesischen Modeanbietern gemacht. Meist sind die Eigentümer der Fabrikgebäude Italiener, die ihre Immobilien zu hohen Preisen an Chinesen vermieten. Schätzungen gehen von bis zu 5500 chinesischen Textilbetrieben aus, die in Prato und Umgebung ansässig sind, ein Großteil davon irregulär. Das bedeutet, dass die Arbeiter dort ohne Arbeitsverträge und Sozialversicherungen, also schwarz arbeiten.

Die Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten und Nähstuben sind oft vergleichbar mit denen asiatischer Textilfabriken. Das durchschnittliche Gehalt, das die chinesischen Fabrikbetreiber ihren chinesischen Arbeitern zahlen, liegt zwischen 200 und 300 Euro pro Monat. Die Arbeit wird in der Regel an Stückzahlen gemessen, Überstunden werden nicht entlohnt. Die desaströse Situation der Arbeiter wurde publik als 2013 aufgrund fehlender Sicherheitsmaßnahmen sieben Arbeiter starben. Vier weitere verletzten sich schwer, weil das Dach einer Fabrik und eines angeschlossenen illegalen Schlafsaals bei einem Brand einstürzten.

Jetzt schlafen die Arbeiter nicht mehr in den Fabrikhallen, sondern mit über 20 Personen in einem Apartment. Sie bekommen Bett, Essen zwischen zwei und fünf Euro je gefertigtem Stück und werden nach wenigen Jahren zurück nach China geschickt. Neben den sozialen Missständen gibt es auch erhebliche ökologische. Aus systematischer nächtlicher Schwarzarbeit wird Schwarzmüll, denn nachts werden schwarze Säcke mit Textilmüll auf Äckern und am Straßenrand entsorgt.

Angeblich werden jährlich über 13 Millionen Euro für Inspektionen und Kontrollen der Produktionsstätten ausgegeben. Aber letztlich gibt es nur 70 Kontrolleure für die über 5000 Textilbetriebe, viele davon sind korrupt. Außerdem werden die Betriebe nur alle zwei Jahre kontrolliert, und die chinesischen Textilunternehmer wissen das. Wird ein Unternehmen wegen Mängeln geschlossen, eröffnet jemand unter anderem Namen die gleiche Produktion. Auch die italienischen Banken scheinen das System zu unterstützen, indem sie Kredite für chinesischen Textilunternehmen vergeben. Der Geldtransfer nach China durch die chinesische Textilindustrie in Prato betrug laut Schätzungen rund fünf Milliarden Euro in den letzten vier Jahren und geht kontinuierlich weiter.

So leidet die Stadt Prato an einer Parallelwelt, die sie selbst erschaffen hat und am Leben hält. Doch klar ist, die EU wird Glaubwürdigkeitsprobleme bekommen, wenn sie nicht endlich nach Prato schaut. Und Italien selbst muss zur Kenntnis nehmen, dass nichts Geringeres als der gute Ruf „Made in Italy“ auf dem Spiel steht. In der Realität steckt heute meistens „pronto moda“ dahinter, was so viel bedeutet wie schnell hergestellte Billigmode, die von chinesischen Arbeitern unter unwürdigen Bedingungen produziert wird.

Der US-amerikanische Großinvestor Warren Buffet sagte einmal „Es braucht 20 Jahre, um einen guten Ruf aufzubauen, und fünf Minuten, um ihn zu ruinieren. Wer darüber nachdenkt, wird die Dinge anders handhaben.“ Recht hat er.

Wir reden richtiger Weise viel über Produktionsbedingungen und Menschenrechte in China, Bangladesch oder Myanmar. Aber jetzt müssen die für Arbeitnehmer- und Verbraucherrechte Zuständigen – auch in Deutschland und der Europäischen Union – endlich die Stimme erheben über die Zustände in Prato, die es ähnlich auch bei Neapel, Mailand und im Veneto geben soll.

In den 90er Jahren haben es die Prateser Industriellen so gewollt, weil sie ein Schnäppchen rochen. Nun ist selbst eine von der Region Toskana eingerichtete Arbeitsgruppe von Polizei und Arbeitsschutz sowie die Industrie überfordert von den praktizierten Tricks. Einfach ist die Aufgabe nicht, denn der Boom vom Jahr 2000 an wurde anfangs bewusst übersehen. Aber die Methode tagsüber schlafen, essen und nachts heimlich in Garagen schuften, muss ein Ende haben.

Freiwillige Initiativen, die sich nur auf Asien beziehen, reichen nicht aus. Europäischen und für den europäischen Markt produzierenden Textilunternehmen müssen gesetzliche Transparenz- und Sorgfaltspflichten auferlegt werden. Sie müssen ihre Produktions- und Lieferketten offenlegen und nachweisen, dass entlang der gesamten Produktion internationale Menschenrechte, Arbeitsnormen und Umweltstandards eingehalten werden.

Der Bekleidungssektor muss genau wie im Lebensmittelrecht eine lückenlose Rückverfolgbarkeit einführen. Zu wissen, wer und wo produziert hat, ist das gute Recht der Kunden. „Made in Italy“ darf kein Täuschungsmanöver sein. Den Antrag dazu, „Kleidung fair produzieren“ haben die Grünen in den Bundestag eingebracht. Faire Kleidung fängt mit Transparenz in der Europäischen Union an, egal wo produziert wurde.

Renate Künast ist Grüne-Bundestagsabgeordnete sowie  Vorsitzende des Ausschusses für Recht  und Verbraucherschutz .

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