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Ausbildungsplätze Das Märchen vom Azubi-Mangel

Wirtschaftslobbyisten behaupten, keine Auszubildenden zu finden. Dabei bilden Betriebe zu wenig Jugendliche aus. Hauptschüler und Geflüchtete haben das Nachsehen. Der Gastbeitrag.

19.07.2016 13:24
Matthias Anbuhl
Zu wenige Firmen bilden aus - auf der Strecke bleiben Flüchtlinge und Hauptschüler. Foto: dpa

Eric Schweitzer stimmt das Klagelied vom Azubi-Mangel an: Der Trend zum Studium mache es den Betrieben immer schwerer, Azubis zu finden. Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt spitze sich zu, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) kürzlich bei der Präsentation einer Unternehmensbefragung „Ausbildung 2016“. Es ist immer die gleiche Geschichte, die Wirtschafts-Lobbyisten in diesen Tagen verkünden: Die Unternehmen wollten doch ausbilden, fänden aber keine Jugendlichen mehr.

Ganze zwei Tage nach Schweitzers Aufritt erschien der Nationale Bildungsbericht, die wohl profundeste Sammlung von Bildungsdaten in Deutschland. Und der Kontrast könnte größer kaum sein: Seit mehr als zwanzig Jahren liege bei den betrieblichen Ausbildungsplätzen das Angebot unterhalb der Nachfrage. Dass die steigenden Studierendenzahlen für den Sinkflug bei den Ausbildungsverträgen verantwortlich seien, sei in der „unterstellten einfachen Kausalität unzutreffend“. Vielmehr sei das Schrumpfen der Berufsbildung „angebotsinduziert“, heißt es im Fachjargon der Forscher. Im Klartext: Die Betriebe bilden nicht genug aus.

Potenzial der Jugendlichen nicht ausgeschöpft

Die Unternehmen schöpfen das traditionelle Potenzial der Jugendlichen nur unzulänglich aus. Rund 270 000 Jugendliche steckten in den zahllosen Maßnahmen im Übergang von der Schule in die Ausbildung fest. Die Mehrheit von ihnen hat einen Hauptschulabschluss (47,7 Prozent) oder einen mittleren Abschluss (26,8 Prozent). Doch auch das Potenzial der leistungsstarken Jugendlichen nutzen die Betriebe zu wenig. So gebe es selbst bei den gewerblich-technischen oder den kaufmännischen Berufen, die von Jugendlichen mit Abitur oft nachgefragt werden, kein ausreichendes Angebot. Die Anstrengungen der Unternehmen seien „allenfalls halbherzig“, schreiben die Forscher. Das Klagelied vom Azubi-Mangel entpuppt sich bei Licht betrachtet als Märchen.

Die Betriebe öffneten sich doch für leistungsschwache Jugendliche, beteuert hingegen Eric Schweitzer. Doch die hauseigene, bundesweite Lehrstellenbörse widerlegt den DIHK-Präsidenten. Fast zwei von drei Ausbildungsangeboten bleiben dort den Hauptschülern von vornherein verschlossen. Die Betriebe lassen ihre Ausbildungsplätze eher unbesetzt, als diese Jugendlichen einzustellen. Die Folge: Nicht einmal jeder zweite Hauptschüler schafft nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung nahtlos den Sprung von der Schule in die Ausbildung.

Die mangelnde Ausbildungsbereitschaft bleibt die Achillesferse der beruflichen Bildung. Die Integrationskraft des dualen Systems hat nachgelassen. Gleichzeitig wartet ein weiterer Kraftakt auf das Berufsbildungssystem. Bis zu 96 000 zusätzliche betriebliche Ausbildungsplätze sind nötig, um junge Geflüchtete in Ausbildung zu integrieren. Es sei „kaum absehbar“, wie so viele Plätze bereitgestellt werden können, heißt es im Bildungsbericht.

Hauptschüler haben keine Chance

Es birgt sozialen Sprengstoff, wenn unzählige Jugendliche keine Ausbildung finden, gleichzeitig aber tausende Plätze unbesetzt bleiben. Auch deshalb brauchen wir eine neue Ausbildungsoffensive. Die Betriebe müssen die Bestenauslese beenden – und endlich Hauptschülern verstärkt eine Chance geben. Politik, Gewerkschaften und Arbeitgeber haben sich in der Allianz für Aus- und Weiterbildung darauf verständigt, mit der Assistierten Ausbildung die Hilfen für Betriebe und Jugendliche deutlich auszubauen. Dieses neue Instrument hilft den Unternehmen bei der Auswahl der Jugendlichen und beim Erstellen des betrieblichen Ausbildungsplans. Die Assistierte Ausbildung unterstützt die Jugendlichen, wenn sie zusätzliche Förderung – wie etwa Sprachunterricht – brauchen. Jetzt müssen die Betriebe dieses Instrument nutzen.

Nur noch jedes fünfte Unternehmen bildet heute aus. Damit dürfen sich Gewerkschaften und Arbeitgeber nicht abfinden. Wir brauchen eine Trendumkehr. Wenn nur zwanzig Prozent der Betriebe ausbilden, aber einhundert Prozent von den qualifizierten Fachkräften profitieren, ist es Zeit für einen fairen finanziellen Ausgleich zwischen ausbildenden und nicht-ausbildenden Unternehmen. Übrigens: In der Altenpflege hat man eine solche Umlage eingeführt. Mit dem Ergebnis, dass die Zahl der Ausbildungsplätze drastisch gestiegen ist.

Dennoch ist ausschließlich mit betrieblichen Ausbildungsplätzen der Bedarf kaum zu decken. „Es wird neuer politischer Überlegungen zu Formen über- und außerbetrieblicher Ausbildung bedürfen“, heißt es im Bildungsbericht treffend. In Regionen mit einem problematischen Ausbildungsmarkt müssen benachteiligte Jugendliche die Chance bekommen, über eine außerbetriebliche Ausbildung einen vollwertigen Berufsabschluss zu erlangen.

Diese Ausbildung sollte noch stärker mit den Betrieben verzahnt werden – unter enger Einbeziehung der Sozialpartner vor Ort. Um Jugendliche und Ausbildungsplätze besser zusammenzubringen, müssen wir die Mobilität von jungen Menschen fördern. Azubi-Tickets im öffentlichen Nahverkehr gehören ebenso dazu wie günstiger, aber guter Wohnraum. Wenn es an allen Hochschulstandorten Studierenden-Wohnheime gibt, brauchen wir nicht auch mehr Azubi-Wohnheime?

Eine gute Ausbildung ist eine zentrale Voraussetzung für gute Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe. Gelingt es uns nicht, die Verwerfung auf dem Ausbildungsmarkt wirkungsvoll zu bekämpfen, drohen die Fliehkräfte in unserer Gesellschaft weiter zuzunehmen. Die Umsetzung einer Ausbildungsgarantie gehört daher ganz nach oben auf die politische Agenda.

Matthias Anbuhl ist Abteilungsleiter Bildungspolitik beim DGB-Bundesvorstand.

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