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"Agenda 2030" Eine bessere Welt ist machbar

Mit Hilfe der Agenda 2030 könnte Deutschland besser, gerechter und grüner werden. Es kommt jetzt auf die Umsetzung an - der Gastbeitrag.

23.09.2016 14:21
Kai Niebert und Bernd Bornhorst
Klimakiller Braunkohle: Wer Schaden verursacht, soll für diesen aufkommen. Foto: dpa

Nimmt man die Entscheidungen des letzten Jahres ernst, werden wir in 14 Jahren in einer anderen Welt leben: Im Jahr 2030 wird kein Mensch mehr Hungern müssen, alle Menschen werden Zugang zu sauberen Trinkwasser, Bildung und einer umfassenden Gesundheitsversorgung haben. In 14 Jahren werden Frauen genauso viel verdienen wie Männer und der Klimawandel wird gestoppt sein. Menschenwürdige Arbeit wird gewährleistet und die natürlichen Grenzen unseres Planeten werden geachtet. Was wie ein Märchen klingt, wurde im letzten Jahr beschlossen: Der Weltklimavertrag von Paris und die von den Vereinten Nationen (UN) verabschiedete Agenda 2030 haben das Potential die Welt zu verändern. Doch der Weg in die Tagespolitik scheint weit.

Seit Ende August wissen wir: In der 4,5 Milliarden Jahre währenden Geschichte der Erde dominiert mit uns Menschen erstmals eine Spezies den Planeten. Es scheint als habe eine neue Epoche, das Anthropozän, die Menschenzeit begonnen. Dabei bleibt zu hoffen, dass die Anerkennung des Menschen als geologische Kraft auch die Verantwortung des Menschen für den Planeten politisch auf die Agenda kommt. Durch seinen maßlosen Ressourcenverbrauch hat der Mensch die Natur in den letzten 150 Jahren immer stärker übernutzt und überschreitet seit 60 Jahren mehr und mehr rote Linien. Entweder wird das Anthropozän ein Zeitalter des Kampfes um Wohlstand gegen die Natur, oder es wird ein Zeitalter der Nachhaltigkeit, in dem wir uns mit unserer Umwelt und begrenzten Ressourcen der Erde arrangieren.

Hier setzt die Agenda 2030 an, die 193 Staaten vor einem Jahr verabschiedeten. Die Agenda benennt 17 Ziele, die bis 2030 erreicht werden sollen. Zu diesen zählen etwa, extreme Armut zu beseitigen oder den Klimawandel zu stoppen. Die Agenda ist universal gültig, sie gilt für alle Staaten. In der Praxis bedeutet das, dass Armut und soziale Ungleichheit nicht nur in Bolivien oder Äthiopien, sondern auch in Deutschland bekämpft und bis 2030 überwunden werden sollen. Dieser Ansatz nimmt auch uns als Verursacher des Anthropozäns, das eigentlich eher OECD-ozän heißen müsste, da es in erster Linie vor allem die reichen westlichen Ländern sind, die die Übernutzung des Planeten bestimmen, in die Pflicht. Beim Artensterben, dem Landschaftsverbrauch und der Überdüngung von Feldern, Seen und Flüssen haben wir bereits die Belastungsgrenzen der Erde überschritten – und das nicht nur global, sondern auch in Deutschland.

Die Agenda 2030 greift viele drängende Probleme auf und gibt konkrete Lösungsvorschläge. Das Papier taugt als Aktionsplan für eine bessere Welt, aber allein mit wohlgemeinten Papieren lässt sich die Welt gewiss nicht verbessern. Es kommt auf die Umsetzung an und hier muss in Deutschland viel mehr passieren.

Wer Schaden verursacht, soll zahlen

Wenn der Traum von einer nachhaltigeren Welt wahr werden soll, muss die Bundesregierung baldmöglichst einen konkreten Umsetzungsplan der Agenda 2030 in und durch Deutschland vorlegen und eine kohärente Politik im Sinne der Agenda betreiben. Wir müssen uns dabei von der Idee verabschieden, dass wir beispielsweise Afrikas reichhaltige Rohstoffe wie Kobalt in unsere Handys einbauen, aber mit den Menschen dort nichts zu tun haben wollen. Ein erster Schritt könnte es sein, wenn die Preise unserer Produkte endlich den wahren Preis nennen würden und wir nicht länger mehr als 52 Milliarden Euro pro Jahr an umwelt- und gesundheitsschädlichen Subventionen ausschütten würden. Wir müssen das Verursacherprinzip gelten lassen: Wer Schaden an Mensch und Umwelt verursacht, muss auch für diesen aufkommen.

Aber nicht nur die Politik ist gefordert, auch jeder einzelne von uns muss einen Beitrag leisten. Wenn wir die internationalen Beschlüsse einhalten wollen, können wir nicht mit unserer bisherigen Konsum- und Produktionsweise weitermachen. Diese hat zu viele Verliererinnen und Verlierer. Wir betrachten Teile von Asien und Afrika immer noch als kostengünstige Lieferanten von Rohstoffen, Textilien oder Nahrung. Menschen- oder Umweltrechte werden dabei gerne und oft übersehen – von den Produzenten, aber auch von uns, den Konsumenten. Wenn ein T-Shirt bei uns 4,95 Euro kostet, die Näherin in Bangladesch aber nur etwa 18 Cent erhält, läuft etwas gewaltig schief.

Auch bei uns herrscht Handlungsbedarf: Die Schere zwischen Arm und Reich wird auch hierz immer größer. In kaum einem anderen Industrieland bestimmt die finanzielle Situation einer Familie so sehr die Bildungschancen ihrer Kinder. Frauen bekommen im Durchschnitt für gleichwertige Arbeit immer noch rund 22 Prozent weniger Lohn als Männer. Wenn die Bundesregierung die neuen Ziele ernst nimmt, müssten in diesen und anderen Bereichen bis 2030 in Deutschland deutliche Verbesserungen erreicht werden.

Schaut man Wahlergebnisse an, wird deutlich: Wir Deutsche sind zutiefst verunsichert. Das politische Hin- und Her lässt uns zweifeln an unserem Wohlstand und unserer Zukunft, deswegen gehen wir Bauernfängern auf den Leim, die uns das Gestern versprechen, obwohl es das so nie gegeben hat. Was wir brauchen, um die Welt zum Besseren zu drehen und die Agenda 2030 wirklich werden zu lassen, ist Mut. Mut anzuerkennen, dass Deutschland in 14 Jahren anders aussehen wird: Besser, gerechter, grüner. Das können wir, denn das Prinzip der Agenda 2030 lautet: Wir lassen niemanden zurück. Machen wir es zum Leitbild Deutschlands.

Kai Niebert ist Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), dem Dachverband der Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen und vertritt 91 Verbände und Organisationen.

Bernd Bornhorst ist Vorstandsvorsitzender des Verbandes Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (Venro) mit 126 Organisationen.

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