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Afrika Vor dem großen Hunger

Am Horn von Afrika herrscht Dürre, es droht eine Katastrophe. Warten wir wieder, bis es zu spät ist? Ein Gastbeitrag.

Afrika
Dürre im Norden von Kenia Foto: dpa

Vor sechs Jahren sah die Welt unter Schock zu, als mehr als 260.000 Menschen am Horn von Afrika verhungerten. 2011 litten Somalia, Äthiopien, Dschibuti und Kenia unter der schwersten Dürre seit 60 Jahren. Das Vieh starb, die Felder trockneten aus. Zehn Millionen Menschen benötigten damals lebensrettende Hilfe.

Heute sehen wir ähnliche Warnsignale wie damals, mehr als 15 Millionen Menschen in der Region sind betroffen. Meine Care-Kollegen am Horn von Afrika warnen seit Monaten, dass sich die Geschichte wiederholen könnte. In Teilen Somalias könnte es sogar zu einer Hungersnot kommen.

Zwar sind Dürreperioden in der Region üblich und die ansässigen Hirten und Bauern an den Zyklus von Regen und Trockenheit angepasst, aber seit fast zwei Jahren hat es nicht ausreichend geregnet. Das Wetterphänomen El Niño war so stark wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Eine aktuelle Care-Studie zeigt, dass Menschen in Somalia fast die Hälfte ihres Viehs verloren haben – und damit ihre Haupteinnahmequelle. Gleichzeitig haben sich die Preise für Lebensmittel im vergangenen halben Jahr verdoppelt.

Kein Einkommen, hohe Ausgaben für Essen und Wasser: Es ist ein Teufelskreis, der Menschen zu drastischen Überlebensstrategien zwingt. Familien verkaufen aus Verzweiflung ihr letztes Vieh weit unter den normalen Preisen. Familien essen nur noch eine Mahlzeit am Tag, viele Mütter fürchten, dass ihre Kinder verhungern.

Kinder gehen nicht mehr zur Schule – einige, weil sie Arbeit finden oder bei der Suche nach Nahrungsmitteln helfen müssen, andere, weil sie keine Kraft mehr haben, die langen Wege auf sich zu nehmen. Lehrer berichten, dass Kinder reihenweise im Schulunterricht umkippen, weil sie seit Tagen nichts mehr gegessen haben.

Aus einigen Gegenden Somalias berichten mir die Kollegen, dass die Wasserquellen komplett ausgetrocknet sind. Die Menschen müssen nun noch weiter als vorher laufen, um zu einem funktionierenden Brunnen zu gelangen: Durchschnittlich ist die nächste Wasserquelle 50 Kilometer entfernt – weiter als der Weg von Frankfurt nach Mainz. Kaum vorstellbar, dass Familien ihre Töchter eine so weite Distanz durch trockenes, ausgedörrtes Buschland schicken müssen. Vor allem Mädchen und Frauen sind dabei großen Gefahren ausgesetzt, zum Beispiel sexueller Gewalt.

Insgesamt sind auch 680 000 Schwangere und stillende Mütter betroffen. Mangelernährung während der Schwangerschaft und den ersten beiden Lebensjahren des Kindes kann jedoch schwerwiegende Folgen für die Gesundheit und Entwicklung des Kindes haben. Es entstehen Schäden, die irreversibel sind.

Diejenigen, die es sich noch leisten können, geben die Hälfte ihres Einkommens für Wasser aus – teilweise bezahlen sie 400-mal so viel wie vor der Dürre. Pro Person sind jeden Tag nur noch drei Literflaschen Wasser verfügbar. Davon müssen die Menschen waschen, kochen und trinken.

Auch 2011 haben die Regierungen in der Region und Hilfsorganisationen wie Care davor gewarnt, dass es zu wenig finanzielle Unterstützung für diese massive Katastrophe gab. Vor allem für die Prävention wurden nicht genügend Hilfsgelder bereitgestellt. Die Hilfe kam daher für eine Viertelmillion Menschen zu spät. Einen Großteil des Spendengeldes bekamen wir erst, als die Bilder sterbender, verhungernder Kinder die Wohnzimmer der Menschen in Deutschland und anderen Ländern erreichten.

Wir arbeiten seit Jahren unter Hochdruck daran, die Menschen auf wiederkehrende Naturkatastrophen vorzubereiten. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass jeder Euro, den wir für die Vorsorge ausgeben, uns bis zu sieben Euro in der Nothilfe spart. Prävention ist kostengünstiger und menschlicher.

Seit 2011 wurden Warnsysteme aufgebaut und alternative Einkommensquellen geschaffen, die Widerstandsfähigkeit von Bauern wurde gestärkt. Viele Menschenleben konnten so bereits gerettet werden. Aber ausreichende Mittel für diese vorbeugende Hilfe, die nicht nur unsere moralische Verantwortung, sondern auch um einiges günstiger ist, fehlen. Heute, im Jahr 2017, übersteigt das Ausmaß der Katastrophe erneut die Möglichkeiten der Menschen vor Ort. Zu viele, zu starke Dürren haben sie in den letzten Jahren erlebt.

In Somalia kommen die anhaltende Instabilität und Sicherheitsrisiken dazu, wovon auch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen betroffen sind. In Teilen des Landes helfen unsere Partnerorganisationen unter Einsatz ihres eigenen Lebens, wenn sie Lebensmittel und andere Hilfsgüter an die Menschen verteilen. Etwa 259 000 Menschen konnte so geholfen werden.

Wenn es in den nächsten Wochen jedoch nicht ausreichend regnet, droht Somalia wieder die höchste Alarmstufe, eine Hungersnot. Nach Angaben der Vereinten Nationen wird diese ausgerufen, wenn mehr als 30 Prozent der Kinder in der betroffenen Region unterernährt sind, mehr als zwei von zehntausend Menschen täglich sterben und die Betroffenen keinen Zugang zu den wichtigsten Nahrungsmitteln haben. Darauf sollten wir nicht warten, denn auch heute schon leiden die Menschen Hunger.

Die Wettervorhersagen machen keinen Mut, wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten. Was jetzt schon feststeht: Millionen von Menschen am Horn von Afrika gehen jeden Abend hungrig schlafen. Die Hilfe muss jetzt aufgestockt werden, damit sich die Geschichte eben nicht wiederholt, damit eine Hungersnot verhindert wird und wichtige Entwicklungserfolge nicht zunichte gemacht werden.

Karl-Otto Zentel ist Generalsekretär der Hilfsorganisation Care Deutschland-Luxemburg.

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