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Abrüstung von Atomwaffen Ein Schritt zur atomwaffenfreien Welt

Ein Abzug von Atombomben aus Deutschland könnte zum Signal werden. Die Mehrheit der Bürger in Deutschland ist dafür. Allerdings treibt die Bundesregierung den Abzug der Waffen nicht voran. Das Gegenteil ist der Fall. Der Gastbeitrag.

28.03.2016 16:48
Von Inga Blum
Kein Ende in Sicht: Die Bundesregierung hat schon 2010 beschlossen, dass keine Atomwaffen mehr in Deutschland gelagert werden dürfen.Getan hat sich allerdings bisher wenig. Foto: Imago

Eine überwältigende Mehrheit von 85 Prozent der Bundesbürger spricht sich dafür aus, dass die auf deutschem Boden gelagerten Atomwaffen abgezogen werden. 93 Prozent befürworten nach der neuesten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der IPPNW, dass Atomwaffen völkerrechtlich verboten werden sollen, ähnlich wie Chemie- und Biowaffen. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 97 Prozent. 88 Prozent sind zudem dagegen, dass die in Deutschland gelagerten US-Atomwaffen durch neue und einsatzfähigere Systeme ersetzt werden, wie es für das Jahr 2020 geplant ist.

Die Bundesregierung muss nun endlich den Bundestagsbeschluss vom 26. März 2010 umsetzen. Vor fast genau sechs Jahren hatten die Abgeordneten fraktionsübergreifend den Abzug der Atomwaffen aus Deutschland und den engagierten Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt gefordert. Seitdem ist aber wenig geschehen. Im Gegenteil: Die Bundesregierung unterstützt die von den USA geplante sogenannte „Modernisierung“ der taktischen Atomwaffen in Büchel (Rheinland-Pfalz) und damit einen qualitativen Aufrüstungsschritt. Die neuen Bomben sollen eine variabel einstellbare Sprengkraft haben und wesentlich treffgenauer sein. Das würde ihren militärischen Nutzen und die Einsetzbarkeit erhöhen. Vorbereitungen zur Stationierung haben bereits begonnen: Der Atomwaffenstandort in der Eifel wird ausgebaut.

Die nukleare Bedrohung ist so groß wie lange nicht mehr. Das zeigen die jüngsten atomaren Drohgebärden Nordkoreas und auch die Furcht der Belgier, dass Dschihadisten an spaltfähiges Material zum Bau einer schmutzigen Bombe kommen könnten. Alle Atomwaffenstaaten planen zudem eine umfangreiche Aufrüstung ihrer Arsenale. Die sogenannte „Weltuntergangsuhr“ (Doomsday Clock) haben Wissenschaftler daher letztes Jahr auf drei Minuten vor zwölf gestellt. Das letzte Mal stand der Zeiger im Jahr 1984 auf dieser Uhrzeit, also auf dem Höhepunkt der atomaren Auseinandersetzung zwischen Ost und West.

Weltweit existieren weiterhin mehr als 15 000 Atomwaffen, über 90 Prozent davon in den Arsenalen der USA und Russlands, die meisten davon mit der vielfachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. 1800 dieser Atomwaffen befinden sich immer noch in höchster Alarmstufe und sind innerhalb von Minuten abfeuerbereit.

Um ein beispielhaftes Szenario zu nennen: Der Abwurf einer nordkoreanischen, verhältnismäßig kleinen Atombombe auf Seoul, mit einer Sprengkraft von etwa zehn Kilotonnen, würde aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte in den ersten vier Monaten etwa 140 000 Menschen töten.

Im Zentrum der Explosion würde alles in einer Millisekunde zerstört. Menschen würden sich in Asche verwandeln. In einem halben bis einem Kilometer Entfernung würden 90 Prozent aller Menschen sterben. Die Hitze würde schwerste Verbrennungen verursachen, die Druckwelle die meisten Gebäude zerstören, umherfliegende Trümmerteile würden zu tödlichen Geschossen. Der Druck würde innere Organe platzen lassen. Viele Menschen würden an akuter Strahlenkrankheit mit Übelkeit, Erbrechen, inneren Blutungen, Fieber und Infektionen sterben.

Nach dem Einsatz einer Atomwaffe wäre effektive humanitäre Hilfe unmöglich. Krankenhäuser, Verkehrs- und Kommunikationssysteme sowie Stromversorgung wären größtenteils nicht mehr vorhanden. Die Mehrheit der internationalen Staatengemeinschaft fordert deshalb aus humanitären Gründen die Ächtung von Atomwaffen und einen Verbotsvertrag. 127 Staaten unterstützen das Verbot von Atomwaffen bereits. Nicht dabei ist die Bundesregierung. Statt dem Willen der Abgeordneten und dem Beschluss aus dem Jahr 2010 zu entsprechen, hat sie bei der letzten Generalversammlung der Vereinten Nationen Ende 2015 sogar gegen ein solches Verbot gestimmt.

Auf dem nächsten Gipfel in Warschau werden Nato-Vertreter die Rolle der nuklearen Abschreckung diskutieren. Die osteuropäischen Mitgliedstaaten drängen auf eine nukleare Abschreckung als „Mittel zur Kriegsverhinderung“. Befürworter dieser Abschreckungslogik argumentieren häufig, dass Atomwaffen rein politische Waffen seien, die niemals eingesetzt werden.

Dabei werden jedoch drei entscheidende Punkte vergessen: Zum einen gibt es zahlreiche gut dokumentierte technische und menschliche Fehler, die beinahe zum Einsatz von Atomwaffen geführt hätten. Solange es Atomwaffen gibt, ist es daher nur eine statistische Frage, wann es zu einem versehentlichen Einsatz kommen wird. Zweitens ist das Wettrüsten der Atomwaffenstaaten bereits wieder in vollem Gange. Und schließlich werden, solange die Mächtigen sich für ihre Sicherheit auf Atomwaffen verlassen, andere ebenfalls nach diesen Massenvernichtungswaffen streben. Seit dem Ende des Kalten Krieges gibt es drei neue Atomwaffenstaaten: Indien, Pakistan und Nordkorea.

Friedens- und Abrüstungsinitiativen haben am Wochenende die Kampagne „Büchel ist überall – atomwaffenfrei.jetzt“ am Atomwaffenlager gestartet, um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, die Atombomben aus Deutschland abzuziehen. Bis zum Nagasaki-Gedenktag am 9. August werden Gruppen und Einzelpersonen in Büchel Mahnwachen und andere gewaltfreie Aktionen durchführen – zwanzig Kalenderwochen stellvertretend für die 20 dort stationierten Atombomben. Der Abzug der Atomwaffen aus der Eifel könnte einen Stein ins Rollen bringen auf dem Weg hin zu einer atomwaffenfreien Welt.

Dr. Inga Blum ist Ärztin in Hamburg und Vorstandsmitglied der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges e.V. (IPPNW).

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