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Gast-Leitartikel Deutschland - eine Winterreise

Düstere Prognosen, dunkle Tage. Ich habe Bilder gegen den Trübsinn gesammelt. Weil ich den Satz von Francis Bacon mag: "Ich glaube an nichts. Ich bin Optimist." Ich hänge die Bilder an einen virtuellen Baum - als Lichtpunkte. Cees Noteboom

24.12.2008 00:12
Von CEES NOOTEBOOM
Cees Noteboom ist holländischer Schriftsteller.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein niederländischer Schriftsteller sich aufmachte zu einer Lesereise durch Deutschland. Er fuhr von Ost nach Süd und von West nach Nord, war jeden Tag an einem anderen Ort und las aus seinem Buch "Roter Regen" vor, und wieder einmal wurde ihm bewusst, wie groß Deutschland ist, wie unterschiedlich seine Landschaften sind und wie verschieden all die dort lebenden Menschen, die von Ausländern als Deutsche bezeichnet werden, während sie sich zumeist als Bayern, Hessen oder Brandenburger empfinden und für gewöhnlich die Gerichte essen, die in diesen Regionen heimisch sind. Nachmittags um halb fünf wurde es überall Nacht, doch glücklicherweise war in allen Städten und Dörfern Raum für ihn in der Herberge. Dieser niederländische Schriftsteller bin ich, und meine Reise fand während der Zeit statt, die wir in den Niederlanden die dunklen Tage vor Weihnachten nennen.

Die Zeitungen, die ich unterwegs las, sprachen einhellig von der schlimmsten Krise seit 1945, als habe es davor nicht etwas viel Schlimmeres gegeben, die Prognosen waren düster, und das Wetter draußen, hinter den Fensterscheiben des Zugs, versuchte, sich der Melancholie der Börse und des Geldes anzupassen. Und dennoch wünschte mir jeder auf dem Markt in Berlin, auf dem ich mein Gemüse kaufe, einen schönen ersten Advent, ein Wunsch, der in den Niederlanden nicht gebräuchlich ist und mich in eine leicht euphorische Stimmung versetzte.

Überall gab es Weihnachtsmärkte mit Glühwein und viel Licht, als wolle jeder schnell noch möglichst viel Licht für die wirklich düsteren Zeiten sammeln, die nun bald anbrechen würden, und für die absolute, globale Katastrophe, die einer Sturmflut ohne Rettungsboote gleich über alle fünf Kontinente hereinbrechen würde.

Vielleicht lag es daran, dass auf einer Lesereise jeder freundlich zu einem ist, jedenfalls gelang es mir nicht, in eine düstere Stimmung zu geraten. Ich habe einmal ein Video mit dem englischen Maler Francis Bacon gesehen. Er war leicht angeheitert, das Gespräch fand in einem englischen Schwulenclub statt, und der Interviewer ließ nichts unversucht, um das Lebenscredo des Malers zutage zu fördern, der ja für die abgründigen Themen in seinen Gemälden bekannt ist. Weil ich Bacons Werk bewundere, wartete auch ich voller Spannung auf das erlösende Wort - schließlich wüsste man gern, welcher Geisteshaltung derart radikale, grausame, aber großartig gemalte Bilder entspringen. Der Augenblick, als Bacon nach langem Drängen dem allmählich verzweifelten Fragensteller endlich eine Antwort gab, war unvergesslich, zumindest für mich. Er hob den Kopf und legte ihn, voll auf Wirkung bedacht, ein wenig zurück, so dass er alles Licht einfing - Maler wissen um solche Dinge -, und krähte, ein besseres Wort gibt es nicht dafür, in die Kamera: "I believe in nothing! I'm an optimist!" Seitdem ist dieses Paradox zu meinem Wahlspruch geworden und bringt mich gut durch diese dunkle Jahreszeit.

Kalter Nebel in Hamburg, erste Schneeschauer in Berlin, trübsinnige Wälder rund um Frankfurt, Raureif auf den Feldern von Idar-Oberstein, Sprühregen über der strohfarbenen Landschaft längs der Elbe, ich speicherte die Bilder in meinem inneren Archiv, war aber offenbar fest entschlossen, alles wunderbar zu finden. Die Deutsche Bahn schlich durch Berge und Wälder, ich las vor und signierte Bücher, schaute in einsamen Hotelzimmern Steinbrück und Merkel und all den anderen zu, die damit beschäftigt waren, ein riesiges Netz zu knüpfen, um darin ganz Deutschland aufzufangen. In die Quere kamen ihnen dabei ein voreiliger französischer Balletttänzer und ein englischer Krämer, der immerhin jahrelang die Finanzen seines Inselreichs verwaltet und trotzdem das Heraufziehen der Krise nicht bemerkt hatte, die er selbst durch seine Politik mit verursacht hatte, während ein Bankier aus Bayern, der gerade knapp dem Bankrott entgangen war, meinte, er als Einziger habe bessere Rezepte, den sicheren Untergang des ganzen Reichs zu verhindern.

Wer ständig auf Reisen ist, hat keinen Weihnachtsbaum bei sich. Deshalb beschloss ich, einen virtuellen Baum mit den Bildern zu schmücken, die ich unterwegs während meiner winterlichen Rundreise gesammelt hatte, Bilder, die mich in diesen trüben Tagen aufgemuntert hatten. Als erstes war da der große schwarze Mann in Idar-Oberstein, eine Erscheinung wie aus einem Märchenbuch. Es regnete in Idar-Oberstein. Schriftsteller auf Lesereise lassen sich mit Seelen im Fegefeuer vergleichen. Sie warten auf den Rest der Ewigkeit, ohne recht zu wissen, wie sie ihre Tage bis zu diesem glücklichen Augenblick verbringen sollen. Die Lesung vom Vortag in Birkenfeld war vorbei, das Publikum war ruhig und aufmerksam gewesen, ich hatte ohne Mikrofon gesprochen, keiner hatte gehustet, und jetzt durfte ich durch die Hauptstraße der Edelsteinstadt schlendern und mir die Opale und Saphire in den Schaufenstern ansehen, als seien es meine.

Plötzlich vernahm ich laute Stimmen in einer mir unbekannten Sprache, es klang wie Gesang. Ich ging darauf zu und sah, wem diese Stimmen gehörten, drei Königen, die zu früh zum vereinbarten Treffen erschienen waren, große schwarze Männer, von denen einer ein langes Gewand in der liturgischen Farbe des Advents trug, eine Steigerung von Violett, es tauchte die gesamte verregnete Straße in eine betörende Glut. Vielleicht hatten sie soeben einen Sack Edelsteine aus ihren blutigen Heimatländern verkauft, jedenfalls waren sie frohgemut, ihre Stimmen schallten laut durch die kalte Winterluft, und ich beschloss, sie als Lichtpunkt an meinen Weihnachtsbaum zu hängen.

Am Morgen darauf, noch immer im Fegefeuer, ging ich in Frankfurt am Main entlang zum Städel Museum, um mir die Ausstellung "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden" anzusehen. Die Bilder strahlen etwas seltsam Anrührendes aus. Über mehr als fünf Jahrhunderte hinweg blickt man auf Menschen, die die gleichen grellen Farben tragen wie der schwarze Mann in Idar-Oberstein und eine Geschichte erzählen, die die Welt nun schon zweitausend Jahre lang beschäftigt. Ein Mann mit Flügeln und einem flämischen Gesicht, der wahrscheinlich, wie alle Flamen, meine Sprache spricht, ist in einen kleinen Raum getreten und bringt seine Kunde einer Frau, die sich vor Schreck oder Freude auf den Boden gesetzt hat. Auch die Frau hat ein flämisches Gesicht, voll leuchtender Schönheit. Der Mann beugt sich ihr ehrfürchtig zu und überbringt die erstaunliche Botschaft, dass sie schwanger ist mit dem Sohn Gottes.

Wir haben diese Geschichte so oft gehört, dass wir, ob wir nun gläubig sind oder nicht, die Ungeheuerlichkeit dessen, was der Bote zu sagen hat, nicht mehr zu uns durchdringen lassen. Das Geräusch der Flügel, die plötzlich lebensgroße Anwesenheit dieses Vogelmanns in dem kleinen, hellen flämischen Interieur, kein Wunder, dass die Frau angesichts von so viel Himmel die Nähe der Erde gesucht und sich in ihrem weiten, so farbenfrohen Gewand mit den wunderbar gemalten Falten auf den Boden gesetzt hat. Diesen Engel und all die anderen farbenfreudigen Zauberwesen hänge ich ebenfalls an meinen Weihnachtsbaum.

Abends, im Literaturhaus in Frankfurt, wird ausgiebig gehustet, vielleicht lebt es sich doch besser in Birkenfeld, doch ich reise weiter nach Göttingen und lese in einem großen Raum unter dem Dach, voll von ernsthaften Gesichtern, von meinen ersten Reisen und von der spanischen Insel vor, auf der ich im Sommer lebe, und von dem Esel meiner dortigen Nachbarn. Am nächsten Vormittag sehe ich mir eine Ausstellung mit den Büchern des genialen Gelehrten Haller an, der einst in Leiden studiert und tiefer in den menschlichen Körper geschaut hat als irgendjemand sonst vor ihm, betrachte die fast dreihundert Jahre alten Blumen, die er in sein Herbarium geklebt hat, Blumen, die einst in einer Zeit geblüht haben, als es noch keine Autos gab und die Welt noch still war, und auch sie hänge ich an meinen Baum.

Mit dem Ende dieser Woche endet auch meine Deutschlandreise. Ich lese in Lüneburg, spaziere nachts am stillen, geheimnisvollen Wasser entlang. Am nächsten Morgen werde ich abgeholt. In der Nähe von Gorleben sehe ich überall auf den Wiesen und an den Straßenrändern menschliche Gestalten, die sich nicht bewegen. Sie sehen täuschend echt aus, so, als habe jemand den Film angehalten, während sie auf ihren Äckern bei der Arbeit waren. Was sie ausdrücken, ist die Angst der Bewohner dieser Gegend vor den Atomabfällen, die hier unter der Erde gelagert werden sollen, eine Bedrohung für das tägliche Leben der Menschen.

Am selben Abend noch sehe ich mich ins Mittelalter versetzt. Freunde von mir wohnen nicht weit vom Schloss der Familie Bernstorff entfernt, und an diesem Abend wird der Graf, verkleidet als Nikolaus, zu den Kindern sprechen. Jetzt wirkt alles wie auf einem Gemälde von Breughel. Offene Feuer lodern, Lichtergirlanden bringen Glanz in die dunkle Nacht. Im schlichten rosafarbenen Schloss brennen Kerzen in den Fenstern. Die Kinder drängen nach vorn, der Graf spricht zunächst vom Balkon aus zu ihnen, flankiert von zwei Engeln, Lichtgestalten aus einer anderen Welt, es würde mich nicht wundern, sollten sie plötzlich über all die Buden und die wartende Menge hinweg davonfliegen, die jetzt einem Traktor mit angehängtem Wagen Platz machen muss, in dem ein weiteres Regiment geflügelter Wesen sitzt.

In diesem Augenblick beginnt die Musik, eine Gruppe älterer Männer und Jungen mit Posaunen und Trompeten. Ich sehe ihre Gesichter im Schein der Fackeln, rot von der Kälte, die Wangen prall vom Blasen, hin und wieder weiße Atemwölkchen zwischen den blinkenden Instrumenten, und hänge das Bild an meinen imaginären Weihnachtsbaum, den ich jetzt schultere und mit ihm zwischen den anderen Weihnachtsbäumen hindurch zu der Bude gehe, an der zwei Männer mit Rogier-van-der-Weyden-Gesichtern einen Punsch aus heißer Zitrone mit Honiglikör kredenzen.

Meine Lesereise ist zu Ende, zusammen mit meinem unsichtbaren Weihnachtsbaum darf ich in der fröhlichen Menschenmenge verschwinden, die, wie ich, mitten im Dunkel das Licht gesucht und gefunden hat.

Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen

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