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Facebook, Twitter, Youtube Sperrt Facebook!

Geteilter Wahnsinn: Das soziale Netzwerk Facebook hat sich zu einem Hort der Paranoiker und Verschwörungstheoretiker gewandelt. Es gehört längst abgeschaltet. Eine Polemik.

Zweisam einsam: Facebook. Foto: dpa

Recep Tayyip Erdogan findet offenbar wenig Gefallen an sozialen Netzwerken. Der türkische Ministerpräsident hat in seinem Reich Twitter und Youtube sperren lassen, was ihm international viel Kritik eingebracht hat. Zu Recht. Schließlich lässt er das einzige Medium, das schon längst gesperrt gehört, unberührt: Facebook. Das größte und beliebteste soziale Netzwerk weltweit hat sich vom Ort der schamlosen Selbstdarstellung zum Hort der Paranoiker, Verschwörungstheoretiker und Weltanschauungs-Fundamentalisten gewandelt. Frei nach dem Sarrazinschen Motto: Weil uns die verblendete Mehrheit nicht zu Wort kommen lässt, schaffen wir uns unsere eigene Öffentlichkeit.

An einem durchschnittlichen Morgen kann man sich nach dem Einloggen bei Facebook munter durch den Themenwust in der Timeline klicken: Glühende AfD-Verehrer verbreiten die letzte Rede ihres Heroen Bernd Lucke („Aufwachen, deutschland!!!“), Menschen mit arabischem Migrationshintergrund ein Video, das die gesammelten Gräueltaten des israelischen Militärs im Gazastreifen zeigen soll („Drecksjuden“), der deutsche Facharbeiter warnt per reißerischem BILD-Artikel vor der massenhaften Einwanderung mittelloser Rumänen und Bulgaren in Ruhrgebiets-Städte („so siehts nämlich mal aus“), der angeblich aufgeklärte Bürger meint die Wahrheit über die unlauteren Pläne der Bundesregierung in der Eurokrise entdeckt zu haben und teilt einen Artikel der Seite „Patriot", ohne deren rechten Hintergrund zu erkennen („Unglaublich, wie die den deutschen Michel verarschen“), und der sporadische Facebook-Nutzer empfiehlt seinen Freunden ein Video, das angeblich die verschwundene Malaysian-Airlines-Maschine MH370 zeigen soll, und doch nur einen Virus verbreitet („krass!“).

Dazwischen Lynchaufrufe: wahlweise gegen Kinderschänder, Tierquäler, Vergewaltiger („teilt das bitte alle, das schwein“). Und selbstverständlich massenhaft Absurdes, das in Gestalt gefälschter Artikel von Nachrichtenseiten daherkommt und trotz entsetzlicher Rechtschreibung offenbar nicht auffliegt - so darf dann schon mal Menschenfleisch in den Burgern von McDonald’s serviert werden („Ekelhaft, ab jetzt nur noch Burger King“).       

Das ist - sorry, Thilo Sarrazin - kein geteiltes Leid, sondern geteilter Wahnsinn. Der gesammelte Dreck wird über Nacht von Facebook gefressen und dem User morgens vor die Füße gekotzt.

Welches Argument gibt es also heute noch, Facebook zu nutzen? Früher erzählte man gerne, man habe derart zahlreiche alte Freunde wiedergefunden und könne Kontakt zu denen halten, die man sonst aus den Augen verliere, obwohl man in Wahrheit doch nur der Ex-Freundin und ihrem Neuen hinterherstalken wollte und in der Zwischenzeit ein Foto seiner jüngsten Mahlzeit postete. Bitte, Erdogans dieser Welt, sperrt Facebook.

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