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Facebook Lasst uns Feinde bleiben

Was wird passieren, wenn demnächst jeder jeden "liked" und alle einander „followen“? Totale Netzwerkerei produziert oft nur eine Illusion von Zusammenhalt, ein tönernes Wir. Tatsächlich steigt jeder über den Nächsten, auf der Suche nach der eigenen Chance. Eine Kolumne.

Berühmt: Facebooks Like-Button. Foto: imago/Rüdiger Wölk

Die Anfragen häufen sich dieser Tage wieder. In meiner Inbox tummeln sich Leute, die mir Millionen aus aller Welt anbieten – verwaiste Konten aus Libyen, Vietnam, China und der Schweiz. Und solche, die unbedingt meine Freunde werden wollen. Sogar Chefredakteure sind darunter.

Es gibt in meiner virtuellen Bekanntschaft Leute, die mehr als tausend Facebook-Freunde verwalten. Die wie besessen Fans und Follower horten und sich per LinkedIn und Xing vernetzen. Ist es Sendungsbewusstsein? Größenwahn? Überbordende Menschenliebe? Einsamkeit? Oder doch nur eine Art Versicherungspolice? Getrieben von der fragilen Hoffnung: Mit ganz vielen Freunden bin ich extraviel wert. Da kann mir gar nichts mehr passieren…

Gewiss, Facebook kann nützlich sein: Um Witze und Geistesblitze zu teilen. Um jene Perlen zu lesen, die kluge Mitmenschen eben entdeckt haben. Um Minimalkontakt zu halten mit echten Freunden, die zu weit weg leben. Vielen aber, dünkt es mich, geht es zuerst ums Ego. Darum, irgendwie an die 88.548.980 „Likes“ von Shakira heranzukommen. Oder doch zumindest an die 20 263 Mitglieder des „Vladimir Putin Fan Clubs“.

Milliardengeschäft mit unseren Neigungen

Spätestens seit den Börsengängen von Facebook und Consorten ahnen wir, dass „social media“ ein Milliardengeschäft mit unseren Neigungen, Regungen und Beziehungen ist – eine Riesenkonsummaschine, die unsere Wünsche schon ortet, bevor wir sie auch nur ahnen. Spätestens seit Snowden wissen wir, dass diese Plattformen eigentlich „spy media“ heißen müssten. Weil all unser Sinnen und Sagen, unser Gucken und Kaufen in Mammutspeichern landet, die nie vergessen.

Ähnlich verstörend, aber noch unterschätzt: die Psychologie dieser stetig wachsenden Pseudo-Gemeinschaften, die einander allenfalls flüchtig kennen, aber umso heftiger „liken“. Die kulturellen Folgen unseres notorischen Netzwerkens und das ihm innewohnende strategische Element: grassierendes Ranwanzen und Klinkenputzen.

Was wird passieren, wenn demnächst jede mit jedem verlinkt ist und alle einander „followen“? Mal abgesehen davon, dass uns die Abermillionen Posts und Tweets um Arbeit und Schlaf bringen werden. Es naht, das ist schon zu erkennen, die Hölle der Schleimscheißerei. Bestenfalls ein schummriger Puff: die virtuelle Vetternwirtschaft, die Harmonieallianz der Harmlosen, die einander nur bitte bitte gefallen wollen. Schlimmstenfalls das geile, hyperaktive Gettogether der Ranschmeißer und Rampensäue, der aufstrebenden Selbstvermarkter, die sich, perfekt gecoacht und immer gut drauf, selbst zum Produkt verfeinern. Wie auf Koks. Auch mal provokant. Doch nie aus dem Rahmen fallend. Wir sind jetzt alle Freunde.

Make love, not war? Schön wär’s. Totale Netzwerkerei produziert oft nur eine Illusion von Zusammenhalt, ein tönernes Wir. Tatsächlich steigt jeder über den Nächsten, auf der Suche nach der eigenen Chance. Man ist einander nicht nah, sondern nützlich. Dahinter steht kein Erkennen, weil der Abstand fehlt. Wo keine Distanz mehr ist, wächst auch kein Respekt.

Zu düster? I wo. Nur ein Plädoyer für mehr Eigensinn, Stolz und Stille. Und ein fast flehender Appell: Lasst uns Feinde bleiben!

P:S: Sie dürfen das hier ruhig „liken“.

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