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Essay Energiepionier Deutschland

Die Wende weg von der Atomkraft ist technisch und ökonomisch machbar, und die hiesige Wirtschaft könnte dabei wie keine andere von dem Boom profitieren.

04.09.2011 18:31
Claudia Kemfert

Die Bundesregierung hat nach der Katastrophe in Japan beschlossen, die Kernkraftwerke in Deutschland frühzeitig abzuschalten und eine nachhaltige Energiewende einzuleiten. Bis zum Jahre 2022 will man alle Atomkraftwerke vom Netz nehmen. Im Prinzip kehrt die Regierung zu den Beschlüssen der Vorgängerregierung zurück. Neu ist die Debatte um eine wirklich nachhaltige Energieversorgung. Die Energiewende ist somit ein Resultat das Wandels der Wahrnehmung. Und die tut Deutschland gut.

Deutschland gilt als Pionier des Energiewandels in der Welt. Da viele Menschen in Deutschland Sorge haben, dass die Risiken der Energieversorgung zu hoch sind, scheint ihnen die Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien die Form der geringeren Risiken zu sein. Doch auch diese Energieform birgt Risiken – der Volatilitäten, des Stromausfalls oder Netzinstabilitäten. Sie vermindert allerdings Risiken des Einsatzes fossiler Energien, Kernkraftunfällen oder Klimawandel. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es trotz allen Wandels weiterhin Ablehnungen gegen die Energieherstellung gibt, und zwar nicht nur gegen Atom und Kohle, auch gegen Stromleitungen, Biogas- oder Windanlagen. Der Wandel hat somit mental begonnen, in der realen Umsetzung ist jedoch ein langer Weg zu gehen.

Das Ziel, in den kommenden vier Jahrzehnten den Anteil der erneuerbaren Energien von heute 17 Prozent auf 80 Prozent zu erhöhen, ist machbar, wenn gleichzeitig die Netze deutlich ausgebaut und mehr Möglichkeiten geschaffen werden, Strom zu speichern. Denn wenn der Wind nicht weht, die Sonne nicht scheint, muss es im Notfall dennoch möglich sein, eine derzeitige Spitzennachfrage von bis zu 80 Gigawatt zu erfüllen. Sicherlich wird man auch die Energieeffizienz verbessern, vermehrt Strom einsparen können. Bisherige Anstrengungen des Stromsparens wurden jedoch gleich wieder vollständig kompensiert. Denn wenn Energie gespart wird, werden Kosten gespart. Geld, welches dann wieder für vermehrten Einsatz von Energie ausgegeben wird. Dies bezeichnet man als den sogenannten Rebound-Effekt. Wenn nicht gleichzeitig die Energiepreise ansteigen, ist der Netto- Energiespareffekt absolut gesehen gleich Null.

Allerdings werden wir in der Übergangszeit auch weiterhin fossile Kraftwerke wie Kohle und Gaskraftwerke nutzen. Gaskraftwerke sind besser kombinierbar mit erneuerbaren Energien, da sie flexibler hoch- und runterzufahren sind und somit besser auf die Volatilitäten der erneuerbaren Energien reagieren können. Der Zubau von Kohlekraftwerken sollte unbedingt verhindert werden. Nicht nur weil ohnehin derzeit schon neue Kohlekraftwerke gebaut werden, die eine Gesamtleistung von über 10 Gigawatt haben und somit die verbleibenden Atomkraftwerke ersetzen können. Diese Kraftwerke werden in den kommenden 50 Jahren in Deutschland im Einsatz sein. Sie passen nicht in das Konzept der nachhaltigen Energiewende, da sie mehr klimagefährliche Treibhausgase produzieren. Für die Übergangszeit wären Gaskraftwerke besser geeignet.

Um mehr erneuerbare Energien nutzen zu können, muss man deren Schwankungen ausgleichen können, sei es durch den verstärkten Einsatz von flexiblen Kraftwerken wie Gaskraftwerken. Oder aber durch die Möglichkeit der Stromspeicherung wie beispielsweise sogenannter Pumpspeicher in Deutschland und Nordeuropa. Völlig neue Speicher wird man künftig auch nutzen können, sie sind derzeit allerdings noch in der Forschungsphase. Beispielsweise können auch Batterien von Elektrofahrzeugen als Speicher genutzt werden, wenn sie gleichzeitig auch die „vehicle to grid“-Option umsetzen, das heißt: gespeicherten Strom auch in das Netz zurück liefern können. Dazu wäre allerdings ein Umbau der Infrastruktur notwendig. Zudem gäbe es auch die Möglichkeit, neue Kraftstoffe für die Energiespeicherung zu nutzen. In jenen Zeitspannen, in denen erneuerbare Energien Spitzenleistung liefern, könnte Wasserstoff oder Methan produziert werden, die wiederum für die Mobilität zur Verfügung stünden.

Die Energiewende ist technisch machbar. Es werden enorme Investitionen getätigt werden, die wiederum Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen. Es werden Investitionen in erneuerbare Energien, in neue Kraftwerke, Energieeffizienz und nachhaltige Gebäude und Mobilität getätigt werden. Die deutsche Wirtschaft kann dabei wie keine andere von dem Boom profitieren. Hunderttausende neue Arbeitsplätze können so neu geschaffen werden.

Die Energiewende wird heute eingeleitet. Sie führt uns in eine nachhaltige Energieversorgung. Sie bietet mehr Chancen als Risiken.

Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).
Ihr Beitrag ist der sechste Teil der Essay-Reihe von FR und Nordwestradio (ein Programm von Radio Bremen und NDR). Die Essays finden sie online unter: fr-online.de/wandel

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