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Deutsche Dschihadisten Das kurze Leben der „Löwen“

In der Männerwelt der Dschihadisten fühlen sich junge Deutsche oft frei und stark. In Wahrheit bleiben sie Verlierer. Ein Gastbeitrag von Susanne Schröter, Ethnologieprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt.

07.10.2014 12:21
Susanne Schröter
IS-Kämpfer im Irak. Foto: AFP (Archiv)

Der Mann, der sich in einem Werbevideo für den Dschihad Abu Osama nennt, hat ein pausbäckiges Kindergesicht, rosige Wangen und einen rundlichen Körper. Das Sturmgewehr, das an seiner linken Schulter lehnt, wirkt seltsam deplatziert, genauso wie sein Kriegsname. Osama bedeutet „Löwe“. Im bürgerlichen Leben in Dinslaken-Lohberg hieß Abu Osama noch Philip B. Er war Pizzabote und gehörte zu den gesellschaftlichen Verlierern, die, einer Studie des Verfassungsschutzes zufolge, die Mehrheit der deutschen Freiwilligen des „Islamischen Staates“ bilden.

Offenbar hatte der unscheinbare niederrheinische Junge den Traum, sich in einen syrischen Löwen zu verwandeln. Auf den ersten Blick ein zwar ungewöhnlicher, aber durchaus nachvollziehbarer Karrierewunsch. Im Dschihad hoffen junge Männer, die in Deutschland oder in anderen Ländern marginalisiert sind, die keinen guten Schulabschluss gemacht haben, beruflich abgehängt wurden und weder optisch noch intellektuell den üblichen Männlichkeitsstandards entsprechen, ganz groß herauszukommen.

Es scheint ein einfacher Weg zum Erfolg zu sein: Man imitiert die allgegenwärtigen Internetprediger, gibt einen überschaubaren Korpus standardisierter Sprüche von sich, befolgt die simplen Verhaltensregeln, die von Selfmade-Imamen gebetsmühlenhaft bei jeder Gelegenheit vorgetragen werden, und macht sich auf in den Orient. Gerne in einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter, wie sie die „Brigade Lohberg“ darstellte, der Philip B. angehörte. Dort geschieht dann die Transformation der unterprivilegierten jungen Männer, die an den Anforderungen des modernen Lebens so hoffnungslos scheitern, in strahlende Helden.

Der Dschihad ist ein archaischer Männertraum. Wenn man auf Youtube schaut, wie sich die internationale Gefolgschaft des selbst ernannten Kalifen Ibrahim al-Baghdadi der Öffentlichkeit präsentiert, dann fühlt man sich postwendend in ein Computerspiel versetzt. Martialisch gewandete Kerle donnern im Pick-up durch die Wüste, schießen auf alles, was sich bewegt, erfreuen sich bei Schießereien im Häuserkampf oder stoppen Autos und erledigen die zum Knien gezwungenen Insassen durch Genickschüsse.

Wer es ein bisschen härter mag, der nimmt sich ein Beispiel am Deutschtürken Mustafa K., einem Kumpel von Philip B., der mit einem abgeschnittenen Kopf vor mehreren verstümmelten Körpern posierte, oder an Farid S., der in einem Leichenfeld syrischer Ölarbeiter sitzend erzählte, sie hätten die Männer „abgeschlachtet“, weil sie das Fasten während des Ramadans gebrochen hätten. Gefährliche Waffen, martialische Gesten und die Gemeinschaft der Krieger unter weitgehendem Ausschluss von Frauen – all das sind Stereotypen, die man in modernen Gesellschaften weitgehend überwunden glaubte.

Apropos Frauen. „Hier kannst du vier Frauen heiraten“, versprach Abu Osama denjenigen, die ein weiteres Argument benötigten, um sich der „Karawane des Dschihad“ anzuschließen. Anders als im wirklichen Leben sind bei den Gotteskriegern auch die Geschlechterbeziehungen klar geordnet. Frauen stehen unter der Autorität ihrer Männer und sind diesen gegenüber zu Gehorsam verpflichtet. Wenn sie ihre Gatten nicht zufriedenstellen oder wenn diese etwas mehr Abwechslung wünschen, bekommen sie eine Zweit-, Dritt- oder Viertfrau zur Seite gestellt. Auf Ehebruch steht die Hinrichtung durch Steinigung, bei Scheidungen verlieren sie die Rechte über ihre Kinder, und vor Gericht sind ihre Aussagen nur halb so viel wert wie die eines Mannes. In der Öffentlichkeit haben sie nichts zu suchen; sie ist von allem Weiblichen gereinigt. Hier sind Männer und Jungen unter sich und genießen die Freiheiten einer frauenfreien Welt.

Die Selbstdarstellungen der Dschihadisten erschöpfen sich in endlosem Posieren mit Waffen, großspurigen Inszenierungen von Dominanz und Stärke und dem Feiern kameradschaftlicher Beziehungen, in die schon kleine Jungen eingebunden werden. „Möchtest du lieber Dschihadist oder Selbstmordattentäter werden“, fragt ein belgischer Milizionär seinen kleinen Sohn, und der Knirps entscheidet sich für die Variante, bei der er länger am Leben bleibt. In dieser Welt muss nicht für die Schule gelernt werden, es gibt keinen nervigen Arbeitsalltag und keinen Stress mit der Freundin. Die „Löwen“ zeigen sich frei, omnipotent und irgendwie immer gut gelaunt. Ob dies der Realität entspricht, darf bezweifelt werden, denn das bittere Ende kommt häufig schneller als erwartet.

Ob man Philip B. eine Frau beschafft hat, wissen wir nicht, aber sicher ist, dass er den Krieg, militärisch unerfahren wie die meisten seiner deutschen „Brüder“, nicht lange überstanden hat. Schwer verletzt empfahl man ihn für einen Selbstmordanschlag gegen kurdische Peschmerga, bei dem er zu Tode kam. Solche Schicksale sind bei deutschen Dschihadisten nicht selten, denn sie werden gewöhnlich zu Einsätzen abgeordnet, bei denen keine größere Fähigkeit als die Bereitschaft zu sterben verlangt wird. In Entscheidungsfunktionen kommen sie nicht. Dazu sind sie zu schlecht qualifiziert.

Archaische Männerträume gibt es nur im Kino oder im Computerspiel, nicht im wirklichen Leben. Denn letztendlich ist es im „Islamischen Staat“ nicht anders als an anderen Orten: Die Underdogs gehören selten zu den Gewinnern.

Susanne Schröter ist Professorin für „Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen“ im Exzellenzcluster „Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität Frankfurt.

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