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Auslese zum Hitler-Attentat Vom Mut zur Zivilcourage

Wie uns Karl-Heinz Bohrer, der ehemalige Herausgeber des "Merkur", den 20. Juli vergegenwärtigt und uns zeigt, was wir uns vom historischen Datum abschauen können: Mut.

Herausgeber des Magazins "Merkur", Karl Heinz Bohrer Foto: Berliner Zeitung

Vergangenen Samstag hielt der ehemalige Herausgeber des „Merkur“, Karl Heinz Bohrer, in Berlin die zentrale Gedenkrede zur Erinnerung an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. Man kann sie im Internet nachlesen: www.stiftung-20-juli-1944.de. Es ist ein außergewöhnlicher Text, denn Bohrer greift nicht zurück auf die Opferrhetorik, die die Repräsentanten der Bundesrepublik inzwischen einigermaßen verlässlich beherrschen.

Bohrer scheut sich nicht, darauf hinzuweisen, dass die Männer und Frauen des 20. Juli Täter waren. Nicht nur Attentäter, sondern auch Nazitäter. Wer vom 20. Juli spricht, der spricht nicht von Unschuldslämmern, sondern von erwachsenen Verschwörern, die sich im Machtzentrum befanden und von dort aus am Umsturz arbeiteten. Menschen, die schuldig geworden waren, weil sie den Nationalsozialismus und wo nicht ihn, so doch seinen Siegeszug durch Europa befördert hatten.

Notwendige Zivilcourage

Ihr Widerstand war nicht aus Liebe zur Demokratie entstanden, sondern aus der Liebe zu einem Deutschland, das von den Nazis zuschanden geritten wurde. Motive, die, das sagt auch Bohrer, uns fernliegen, Motive auch einer inzwischen gänzlich zerschlagenen Welt, der des preußischen Junkertums.

Bohrer schreibt: „Wenn es nicht um Gesinnung geht, so geht es doch um die Tat.“ Er erinnert daran, dass zur gleichen Zeit Sartre seine Philosophie der Freiheit als eine der Tat formulierte. Es ist die Philosophie zum Widerstand und also auch die zum 20. Juli. Bohrer betrachtet auch sie mit großer Distanz. Sie erscheint ihm zu symbolisch, zu aufgeladen mit Mythologie.

Was also bleibt? Bohrer sucht und am Ende endlich glaubt er gefunden zu haben, was wir uns abgucken können vom 20. Juli: Mut. Wer die letzten Sätze von Bohrers Rede liest, der bekommt – mit Bohrer gegen Bohrers Intention – eine Ahnung davon, wie fern der 20. Juli uns ist: „Was könnte beispielhafter sein als der Verschwörer Mut, ihr Mut auch zum Außenseiter? In einer so gefahrlosen, aber auch den Konformismus begünstigenden Gesellschaft wie der unseren – seit dem Attentat so friedfertigen Epoche –, ist die Zivilcourage noch immer etwas Notwendiges, wenn auch inzwischen Außergewöhnliches geworden. Um wie viel mehr die existenzielle.“

Benötigtes Märtyrervorbild

Vom Mut zur Zivilcourage! Dazwischen liegen – niemand weiß das besser als Bohrer – Welten. Und dann der letzte Satz, der das Ruder wieder herumreißen soll und eine existenzielle Zivilcourage ausruft. Aber genau das ist es doch, wofür der 20. Juli nicht steht. Er steht für die militärische Tugend, für Mut. Solange es seiner nicht bedurfte, waren die Attentäter noch keine. Zivilcourage allein hätte Stauffenberg nicht zur Tat getrieben und auch die christlich motivierten Täter brauchten wahrscheinlich das Märtyrervorbild, um überzugehen von der Gesinnung zur von uns heute bewunderten Tat.

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