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Auslese Verzweifelter Protest gegen Putin

Mischa Gabowitsch ist genau das, was sich Russlands Präsident Wladimir Putin in seiner KGB-Paranoia wohl unter einem „ausländischen Agenten“ vorstellt. Sein Buch „Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur“ ist die brillante Analyse einer Bewegung.

01.06.2013 16:44
Von Frank Herold
Kurzer Schockmoment auf der Messe Hannover: Angela Merkel schaut lieber weg, als die nackte Demonstrantin lautstark ihrer Meinung Luft macht. Putin schaut eher interessiert als geschockt. Foto: dpa

In Moskau geboren, in Oxford studiert, in Paris promoviert und in Princeton doziert: Derzeit bezahlt das Potsdamer Einstein-Forum den Soziologen Mischa Gabowitsch. Wollte Gabowitsch in Moskau eine zivilgesellschaftliche Organisation gründen, müsste er sie bei den Behörden registrieren lassen. Sicher kämen dann von Zeit zu Zeit die Sicherheitsbehörden vorbei.

Doch Gabowitsch hat nur ein Buch geschrieben: „Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur“. Es ist eine brillante Analyse und weit mehr als die detailreiche Chronik einer Bewegung, die mit den Protesten gegen die Putinschen Wahlfälschungen im Dezember 2011 begann. Immer wieder geht der Autor in die russische Geschichte zurück, um Formen gesellschaftlicher Mobilisierungen und des gewaltfreien Widerstandes gegen autoritäre Macht in Russland verständlich zu machen. Dadurch vermeidet er klischeehafte Vergleiche mit den Farbenrevolutionen in der Ukraine und Georgien.

Gabowitsch macht keine Vorhersagen, er erforscht den Protest, indem er zunächst einmal eine ungeheure Fülle dokumentarischen Materials zusammenträgt und die unterschiedlichsten Aspekte beleuchtet und einordnet. Unverkennbar sind seine Sympathien für die Protestbewegung und seine Abneigung gegen die Entpolitisierung, die gesellschaftliche Atomisierung und den Zynismus, die das System Putin hervorgebracht hat. Doch dem Autoren geht Erkenntnis über politische Zweckmäßigkeit und Parteinahme.

Deutlich wird das besonders beim Fall Pussy Riot. Die Punkband war auch im Westen nach ihrem skurrilen Auftritt in der Moskauer Erlöserkirche mit dem Etikett „blasphemische Hysterikerinnen“ beklebt worden. Gabowitsch gelingt es, die verzweifelte Ernsthaftigkeit und die Vergeblichkeit dieser Protestaktion gegen die erzreaktionäre Führung der orthodoxen Kirche und gegen das System Putin plausibel zu machen.

Das System Putin ist – noch – nicht kaputt. Viele glauben, der Präsident habe die Protestbewegung durch die repressiven Maßnahmen zu Beginn seiner zweiten Amtszeit längst wieder unter Kontrolle. Nicht so Gabowitsch. Es sei kurzsichtig, den Erfolg der Bewegung danach zu beurteilen, ob es ihr gelinge, Putin zu stürzen. Es gehe nicht holzschnittartig um einen Kampf „zwischen bösen Diktatoren und guten Demokraten“. Vielmehr sei ein Wertewandel eingeleitet worden. Gerade hat der Autor einen Blog eingerichtet (gabowitsch.net), um sein Buch im Netz weiterzuschreiben. Im besten Fall wird daraus eine Chronik des Wandels – oder aber die des Scheiterns der russischen Zivilgesellschaft.

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