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Auslese Mit dem Rücken zum Publikum

Karl-Heinz Bohrer spricht mit einer Journalistin über seine intellektuelle Biographie und seine Freundschaft zu Ulrike Meinhof sowie Jürgen Habermas.

Karl-Heinz Bohrer bezeichnet ihn als Freund: Jürgen Habermas. Foto: epd

Bloß keine Homestory, so lautete die Bedingung, unter der Karl-Heinz Bohrer, Literaturwissenschaftler und langjähriger Herausgeber des Merkur sich zu einem Gespräch in seiner Wohnung in London mit der Welt-Redakteurin Mara Delius bereiterklärte. Er habe kein Bedürfnis, über private Dinge zu sprechen. Und so geht es in dem langen Gespräch, das der bald 80-Jährige mit der Welt führte, vor allem um den Selbstdenker Bohrer und seine Zeit, in der er die intellektuelle Landschaft der Republik so nachhaltig wie streitlustig prägte.

Bohrer, der einige Jahre Feuilleton-Redakteur in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war, mag einen gewissen Stolz nicht verbergen, seine Arbeit als Redakteur eher unjournalistisch aufgefasst zu haben. Sein früherer Kollege Marcel Reich-Ranicki hat das als Journalismus mit dem Rücken zum Publikum bezeichnet, und es war als Vorwurf gemeint. Für Bohrer aber war es ein Kompliment.

„Das habe ich als einen wohltuenden Satz empfunden! Das ist der einzige Satz in seiner Biographie über unser Verhältnis und ich dachte sofort: Er hat Recht. Darin lag ja auch ein gewisser Stolz. Ich fand von Anfang an, dass es für den Literaturkritiker und Chef des Literaturblatts der F.A.Z. wichtiger ist, das zu denken, was relevant zu denken ist, und nicht das zu denken, was möglicherweise eine Mehrheit gut versteht.“ Natürlich sei das unprofessionell gewesen, räumt Bohrer ein. „Aber ich bin damit lange davongekommen. Auch die sperrigen, schwierigen, nichtkommunikativen Texte, die ich damals zur Beklommenheit Karl Korns in der Zeitung druckte – das sah ich eben nicht als Defizit, sondern als den triumphierenden Ausdruck eines originellen Literaturblatts. Hier lag der eigentliche Konflikt später mit Joachim Fest, dem auf Korn folgenden Herausgeber. Nicht in den unterschiedlichen politischen Ansichten, wie viele dachten.“

Und so ist es vor allem eine intellektuelle Homestory, die Mara Delius dem anrührend offenen Autor Bohrer entlockt, dessen Erzählung „Granatsplitter“ soeben im Hanser Verlag erschienen ist. In dieser Homestory spricht Bohrer auch über Freunde von früher. „Was heißt Freunde? Freunde, die mit mir gemeinsam solche Überlegungen machten, hatte ich eigentlich nicht. Die intellektuell wichtigen Begegnungen kann ich an fünf Fingern abzählen. Es gab keine Gruppe, ich gehörte nicht zu irgendeiner. Ich verlor sogar enge Freunde aus politischem Streit. Das Merkwürde ist aber, dass ich zwei extrem unterschiedliche Intellektuelle der Linken gut kannte: der eine war Jürgen Habermas, die andere war Ulrike Meinhof. Meinhof war eben nicht nur eine vom Marxismus überzeugte politische Intellektuelle, sondern sie war vor allen Dingen auch eine Utopikerin, die erfüllt war von der glühenden Erwartung, dass eine große Änderung bevorstehe und auf der historischen Schwelle liege, die man nur zu ergreifen hat. Ulrike Meinhof hatte eine protoreligiöse Kraft.“

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