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Auslese Ich bin nicht mehr dabei

Eine schöne Zeit unter Rechten: FAZ-Journalist Jäger möchte nicht länger Rechter sein.

Solitäre Positionen und rechtsintellektuelle Extravaganzen sind sein journalistisches Geschäft. Um Beifall von falscher oder richtiger Seite hat sich Lorenz Jäger (60), Feuilleton-Redakteur der FAZ, bislang jedenfalls wenig geschert. Für Jürgen Habermas ist er schlicht der Rechtsaußen des Feuilletons, und das rechte Gesinnungsblatt Junge Freiheit schätzt ihn als einen, der kein Blatt vor den Mund nimmt.

Anlässlich seines Buches über die Kulturgeschichte des Hakenkreuzes musste er sich gar den Vorwurf gefallen lassen, eine Apologie des Nazi-Symbols zu betreiben. Eine Zeit lang schien Lorenz Jäger, der als Student an der Universität Marburg eine hinreichend linke Sozialisation durchlaufen hat, mit dem Rechtsaußen-Image zu kokettieren.

Nun ist ihm das rechte Milieu, von dem er sich allzu gern ans Herz drücken ließ, aber wohl zu schmuddelig geworden. Das Feuilleton der FAZ gewährt ihm den Platz für eine demonstrative Austrittserklärung aus rechten Gesinnungsmitgliedschaften. „Nein, ich bin nicht mehr dabei, please count me out.“ Ein bisschen Wehmut scheint aber mit von der Partie zu sein. „Es war eine schöne Zeit, diese vergangenen zehn Jahre unter Rechten, ich gestehe es. Vor allem aber war sie bequem. Allein schon gegen den Stachel der Political Correctness zu löcken konnte für den Journalisten die halbe Miete zu bedeuten.“ Jäger, so kann man daraus schließen, hat den Rechtsintellektuellen gewissermaßen als verdeckter Ermittler gegeben.

Jetzt sind ihm, ähnlich wie unlängst seinem Herausgeber Frank Schirrmacher, Zweifel gekommen, ob der ganze Richtungsdogmatismus noch die richtige Antwort auf die gesellschaftlichen Fragen ist. „Ich verstehe nicht“, schreibt Jäger, „warum der Konservative, zum Beispiel, den menschengemachten Klimawandel für Panikmache von Gutmenschen und die Umweltauflagen gegenüber der Industrie für eine sozialistische Erfindung halten muss. (…) Vor allem aber will ich nicht verstehen, dass Islamkritik in allen Spielarten, bis hinunter zur offenen Demagogie, fast das einzige Prunk- und Ehrenzeichen konservativer Politik geworden ist. Natürlich verstehe ich es doch. Denn es scheint die einzige Chance neuer rechter, populistischer Parteien und Bewegungen in Europa zu sein, mit diesem Thema einen Wahlerfolg zu landen.“

Mit einem machtfixierten, strategischen Konservativismus möchte Lorenz Jäger nun nichts mehr zu tun haben. Seine Impulse empfängt er längst von anderer Stelle. „Genuin konservativ zu sein würde vor allem zweierlei bedeuten: ein Gefühl für das Gewicht der Wirklichkeit zu haben; daraus folgt von selbst eine Mäßigung. Und – nicht weniger wichtig – jedenfalls die Sehnsucht nach Maßstäben, die von oben kommen, vielleicht von Gott. Aber das ist die Sache von Einzelnen, keine Partei und kein Volkstribun wird’s richten. Das war’s, Kameraden.“

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