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Auslese Eine Chance für den Westen

Der Journalist Kurt Pelda berichtet in seinem Buch "Gaddafis Vermächtnis" über den langen Weg Libyens zur Demokratie. Trotz überflüssiger Abschweifungen liest sich das Buch gut, denn Pelda stellt die richtigen Fragen.

Kurt Pelda: Gaddafis Vermächtnis. Waffen, Öl und die Gier des Westens. Orell Füssli, Zürich 2012, 254 S.,16,95 Euro Foto: Verlag

In zwei Wochen wählen die Libyer ein Parlament – wenn die Wahlen denn nicht im letzten Moment doch noch verschoben werden. Gaddafi ist tot, der Bürgerkrieg vorbei, das Land aus dem Fokus des öffentlichen Interesses und der medialen Wahrnehmung längst entschwunden. Doch die Herkules-Arbeit steht den Libyern noch bevor: der Aufbau demokratisch legitimierter staatlicher Institutionen und die Aussöhnung der Gesellschaft.

Der Journalist Kurt Pelda hat Libyen im vergangenen Jahr siebenmal besucht. Sein Buch „Gaddafis Vermächtnis“ ist unbedingt zu empfehlen – trotz überflüssiger Ausschweifungen, in denen der Autor mehr über sich als über Libyen redet. Doch Pelda stellt die richtigen Fragen.

Die Libyer haben es schwerer als die Tunesier, weil Gaddafi staatliche Strukturen systematisch zerstört hat. „Die Schatten des Tyrannen sind lang, die Voraussetzungen für ein Gelingen des demokratischen Experiments nicht gut“, schreibt Pelda, „die Libyer haben keine Erfahrungen mit dem offenen politischen Diskurs.“

Reich des Terrors

In der Tat: Gaddafis Libyen war ein Reich des Terrors. Das hat den Westen erst gestört, als der Tyrann den Terror exportierte, als bei Lockerbie ein Flugzeug mit 259 Insassen abstürzte und der „Irre in Nahost“ (Ronald Reagan) im Ausland terroristische Gruppen alimentierte. Doch als Gaddafi nach dem 11. September 2001 im „Krieg gegen den Terror“ kooperierte und 2003 auf die Produktion von Massenvernichtungswaffen verzichtete, wurde er zum begehrten Partner des Westens. Sarkozy, Schröder, Blair, Berlusconi – alle pilgerten sie nach Tripolis.

Und nach der Aufhebung des Waffenembargos liefen die Geschäfte prächtig: Die Franzosen lieferten Mirage-Kampfflugzeuge und die Deutschen Störsender und Kommunikationsausrüstungen. Die letzten Panzerabwehrraketen vom Typ Milan, deutsch-französische Wertarbeit des europäischen Rüstungskonzerns MBDA, wurden am 14. Oktober 2010 geliefert.

Fünf Monate später drängte vor allem Frankreich, das sich noch 2007 vertraglich verpflichtet hatte, Libyen im Fall eines äußeren Angriffs militärisch beizustehen, auf einen militärischen Angriff von außen. Sarkozy, der den Tunesier Ben Ali bis zuletzt gestützt hatte, wollte diesmal der erste sein.

Die meisten Libyer begrüßten die Intervention des Westens. Im arabischen Raum wurden oft die Fahnen westlicher Staaten verbrannt. In Bengasi und Tripolis hingegen schwenkte man sie begeistert. Libyen könnte nun „der Anfang für ein besseres Verständnis zwischen der christlich geprägten und der muslimischen Welt werden“, meint Pelda auf der letzten Seite seines Buches und fügt geradezu beschwörend hinzu: „Diese einmalige Chance darf der Westen nicht verpassen.“

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