Lade Inhalte...

Auslese Ein grober Klotz für den Beton

Die widerprüchliche Debatte über den „Kulturinfarkt“.

02.04.2012 17:31
Birgit Walter

Die Hälfte der subventionierten Theater, Museen und Bibliotheken in Deutschland kann weg. Mit dieser These reizen vier Autoren in dem Buch „Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche“ den subventionierten Kulturbetrieb. Sie schlagen allerdings keine Halbierung der Kulturausgaben vor, sondern sie fordern den radikalen Umbau eines erstarrten und gefräßigen Systems. Die andere Geld-Hälfte soll in die überlebenden Institutionen fließen, in kulturelle Bildung, Laienkunst und die Kulturindustrie. Der Krach ist groß und gegensätzlich.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung gibt eine Richtung vor, die Niklas Maak mit „Denkinfarkt“ überschreibt und unterstellt, dass ein persönliches Frustrationserlebnis umstandslos zur Gesellschaftsdiagnostik aufgeblasen wird. „In seiner Aggression gegen Konzeptkunst, Theorie und alles nicht unmittelbar Verwertbare, aber auch in seinen Lösungsvorschlägen ist das Buch Teil einer größeren Bewegung, die angesichts knapper Kassen energisch darauf dringt, Bildung und kulturelle Erfahrungen auf ihren ökonomischen Nutzen hin abzuklopfen.“

Zugänglicher zeigt sich Matthias Heine von der Welt. Das Buch enthalte „allerlei Unfug“, schlage aber als grober Klotz Risse in Beton und stelle die richtigen Fragen: „Ist es wirklich gerechtfertigt, in einem Land, dessen Bevölkerung schrumpft und dessen finanzieller Spielraum schwindet, ausgerechnet die Kultur zur unantastbaren heiligen Kuh zu erklären?... Fördern wir nicht weniger die Kunst als vielmehr bürokratische Kulturstrukturen?“ Dann hat er noch den spitzen Vorschlag, statt des Hauptstadtkulturfonds einen Geisterstadtkulturfonds für unterversorgte Gegenden zu etablieren. Na, das will ja in Berlin gar keiner hören.

Auf dem Internetportal Nachtkritik bezweifelt Nikolaus Merck vor allem die Tauglichkeit der Vorschläge, das eine durch das anderer zu ersetzen, „den Ton zwischen stalinistischer Sachlichkeit und ökonomistischer Besserwisserei“ und die allgemeine Ungenauigkeit: „Weitgehend kenntnislos zeigen sich die vier, wenn es ums Detail geht.“

Thomas Steinfeld beschreibt in der Süddeutschen Zeitung die Debatte als Verteilungskampf: „Die Verwandlung von Kulturpolitik in Verteilungspolitik ist einen großen Schritt weitergekommen, es winkt ein totaler Sieg der Bürokratie.“ Scharf widerspricht er dem „Unsinn“ des „Infarkt“-Kritikers Wolfgang Thierse, der Kultur verteidigt, um soziale Exklusion zu bekämpfen. „Kultur, das war … immer auch das Gegenteil von ,sozialer Inklusion’. Sie war Bosheit, sie war Widerstand, sie war Verweigerung, sie war weder dem Gemeinwohl verpflichtet noch demokratisch.“ Er kommt zu dem Schluss, dass auch in der Kultur Interessen begründet werden müssten, und wenn sie sich dabei einander ausschlössen – umso besser. „Dann würde auch in der Kulturpolitik wieder über Inhalte geredet. Und nicht nur über Ansprüche.“ Birgit Walter

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum