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Auslese Die Rache der Feuilletonisten

Angenehm ohne Bombast: Die Politologie sucht endlich das offene Gespräch.

Feuilletonisten sind nicht zu beneiden. Chefredakteure halten sie zumeist für so entbehrlich wie Schnittlauch auf Bananeneis, und wer sich als Wissenschaftler den Ruf erwirbt, ein „Feuilletonist“ zu sein, gilt in der Community als vogelfrei. Vor einigen Jahren hat der Rektor der Universität Göttingen seine Pläne, das Seminar für Politikwissenschaft einzudampfen, mit dem Vorwurf begründet, dort seien „Feuilletonpolitologen“ am Werk, mit anderen Worten, die von ihnen veröffentlichten Texte würden auch außerhalb des wissenschaftlichen Betriebs verstanden. Tatsächlich ist einer der damals Gemeinten, Professor Franz Walter, nicht nur einer der interessantesten Parteienforscher der Republik. Regelmäßig schreibt er auch in seriösen Massenmedien (Spiegel, Frankfurter Rundschau u.a.) derart anregend und verständlich, dass sein Publikum glauben könnte, die politische Wissenschaft habe ihm tatsächlich was zu sagen. Walter hat sich offenbar entschlossen, den Begriff des Feuilletonpolitologen zu nobilitieren und das freimütige, offene Gespräch zwischen der politischen Wissenschaft und interessierten Bürgern zu verstetigen. Soeben ist die erste Ausgabe der von ihm herausgegebenen Vierteljahresschrift Indes erschienen.

Walters Überzeugung lautet: „Es verringert nicht den Erkenntnisraum, wenn man neugierig schauend ins gesellschaftliche Feld geht, ohne stets ein vorab bereits festes Analyseraster im Gepäck mitzuführen.“ So steht es im Editorial der ersten Ausgabe, die sich mit der Frage beschäftigt: „Wo sind die Vordenker?“

Die Frage beantwortet Jens Hacke, Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung, in seinem Beitrag über „Seismografen des Wandels“ verblüffend optimistisch: „ Auch wenn er es schwerer hat als früher, bleibt die Figur des öffentlichen Intellektuellen die Verkörperung republikanischer Tugenden ... Intellektuelle sind und bleiben Medien bürgerschaftlicher Selbstverständigung.“ Seine Stellung werde auch durch das Internet keineswegs bedroht, denn von der dort praktizierten „undisziplinierten, formlosen und ausufernden“ Meinungsäußerung lasse sich „kein Ersatz für eine gehaltvolle intellektuelle Intervention erwarten“.

Mit der besonderen Spezies des „popularisierenden Intellektuellen“, des „Identitätshoflieferanten“ wie beispielsweise Richard David Precht oder Necla Kelek beschäftigt sich durchaus ironisch der Zeit-Feuilletonist Thomas Assheuer, und Lawrence M. Mead, Politologe an der New York University, verlangt unmissverständlich: „Reformiert die Politikwissenschaft!“ Warum? „Eine Erhebung aus dem Jahr 1980 ergab, dass Politologen die Entwicklungen auf ihrem Forschungsgebiet weniger spannend finden als Forscher aus 31 anderen Disziplinen.“ Das würde sich rasch ändern, wenn über Politik stets so fundiert, klar und ohne terminologischen Bombast geschrieben würde wie in Indes.

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