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Auslese Die Minderheit ist die Seele

Frißt die Gier des Marktes die Gewaltenteilung? Der Schriftsteller Adolf Muschg über Demokratie.

Frißt der Markt die Demokratie, hilft auch Demonstrieren nicht mehr. Foto: dpa

Während die arabischen Länder sich nach der sogenannten Arabellion schwertun, stabile demokratische Institutionen aufzubauen, geraten das alte und das junge Europa unter den Druck von Finanzkrise und drohenden Staatspleiten. Anstelle der Selbstverständlichkeit, mit der man in einer Demokratie zu leben glaubte, ist die Sorge um sie getreten. In einem Essay für die Neue Zürcher Zeitung hat sie nun der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg als geraubte Braut beschrieben. „Es gehört kein böser Blick mehr dazu, demokratische Wahlen für schwerfällige Simulationen der Marktforschung zu halten. Ein Produkt wirbt um freie Wahl des Kunden, den es als König anspricht; als der Größte (oder die Schönste) erscheint er im Spiegel der Reklame. Auch die Politik hat keine größere Sorge, als ihren Souverän persönlich ‚abzuholen‘, auch wenn er in der Abrechnung nur noch als statistische Größe erscheint. Die Unternehmer der Demokratie haben sich im Wettbewerb um die Wählergunst alle Techniken des Marketings zu eigen gemacht.“

Gegen die Gefräßigkeit des Marktes scheint keine Gewaltenteilung mehr zu gelingen. Selbst eine verlässliche Werteproduktion sieht Muschg nicht mehr gewährleistet. „Alles richtet der Markt; muss er auch noch wissen, was er tut? Soziale Kosten sind in seiner Rechnung nicht inbegriffen; von allem kennt er den Preis, nur sein eigener muss ihn nicht kümmern. Er hat die Skala beweglich gemacht, auf der die altmodischen Potenzen Religion und Staat Werte gemessen und abgewogen haben. Jetzt stehen sie zur Disposition des Marktes und werden einer rasanten Zirkulation zugeführt, im Prinzip: Ware wie jede andere. Wer will, kann sich bedienen; nur muss er wissen, dass alles, was der Markt generiert, zum flotten Gebrauch bestimmt ist. Der Kunde ist, per se, ein Verbraucher. Das ist nicht böse gemeint, es ist nur nicht anders.“

Wenn die Demokratie aber doch noch so etwas wie eine Seele hat, dann sieht Muschg diese bei den gesellschaftlichen Minderheiten. „Aber da die entsprechende Goldwaage, mit gutem Grund, zu den Requisiten gehört, die der ‚freiheitliche säkulare Staat‘ nicht mehr zu bieten hat, tut die Demokratie gut daran, gerade ihr Bestes immer bei der Minderheit zu vermuten. Der Mehrheit gehöre – leihweise, bis zum nächsten Mal – die Macht, in der Minderheit aber verbirgt sich die Seele der Demokratie. Wenn das zu blumig geredet ist: Sie repräsentiert, gegenüber dem erfolgreichen Quantum und der erreichten Quote, die zu kurz gekommene Qualität der Demokratie. Darum entscheidet der Umgang mit Minderheiten darüber, ob in einer Gesellschaft heute gut zu leben ist – und ob sie darum auch morgen noch zusammenhält. Der Staat, als ‚Potenz‘, muss die von der Wirtschaftskultur geraubte Braut Demokratie zurückgewinnen; mit ihr teilen wird er sie immer müssen. Doch nur bei ihm lernt sie, dass sie kein Konsumgut ist.“

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