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Auslese Das Ende der Internet-Utopie

Theorien zur Zerstörung der Idee vom freien Netz: Die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg macht die Monopole als zentrales Problem aus. Blogger und Journalismus-Professor Jeff Jarvis knüpft daran an.

Hat auch dunkle Seiten: Die Digitalisierung der Welt. Foto: dpa

Freier Zugang zu Informationen und Wissen, freier Austausch in freien Netzen über alle Grenzen hinweg – so hatten sich viele Pioniere des Internets vor 20, 30 Jahren die Zukunft vorgestellt. Seitdem ist die Digitalisierung der Welt rasant vorangeschritten und hat das alltägliche Leben von Milliarden Menschen so stark verändert wie kaum eine andere Innovation zuvor. In Laufe der Jahre sind sich die Theoretiker und Nutzer auch der dunklen Seite des Mediums bewusst geworden: der Abhängigkeit von einigen wenigen Konzernen, der Kontrolle durch staatliche Institutionen, der Preisgabe der Privatsphäre.

Es sei problematisch, dass „so viele der Dienste, die von Millionen Menschen gern und häufig genutzt werden, Monopole sind, die zusätzlich ihre Server in den USA stehen haben und damit dem Patriot Act und teils geheimen Rechtsauslegungen unterliegen, denn das revolutionäre Potenzial des Internets basiert auf seiner dezentralen Struktur“, schreibt die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg, die sich mit anderen Internettheoretikern in der „Zeit“ zu der Frage „Wer hat das Netz verraten?“ äußert. Sie macht die Monopole als zentrales Problem aus. Das „ist die Heuschreckenplage unserer Zeit und bestandsgefährdend für die Demokratie“.

Der Staat ist die größte Bedrohung

Daran knüpft der Blogger und Journalismus-Professor Jeff Jarvis an. Er schreibt, dass die Konzerne und die Bürger in einem voranschreitenden Prozess die Normen und die Ethik der Privatsphäre, Transparenz und Kontrolle aushandelten. Dann aber trete der Staat in Erscheinung, der sich als Wahrer der Privatsphäre geriere, in Wahrheit aber deren größte Bedrohung sei.

Jarvis fordert, dass wir „über die Grundlagen einer freien und offenen Gesellschaft“ diskutieren. Zu diesen Grundlagen zählt er unter anderem „das Ideal, dass der Staat im Normalfall offen ist und nur im Notfall geheim operiert“; das „Recht, sich online genauso zusammenzutun, zu sprechen, zu versammeln und zu handeln wie offline“; eine Übereinkunft, dass „das Netz offen bleiben muss und von keinem Staat kontrolliert oder zersetzt werden darf“.

Von derlei Idealismus hält der Chefredakteur des Onlinemagazins „Telepolis“, Florian Rötzer, gar nichts. Die Politik habe nach dem Ende des Kalten Krieges die Gefahren aus dem Netz derart überhöht, dass der staatliche Zugriff unvermeidlich erschien: „Die bürgerlichen Freiheiten galten online nicht, auch nicht die Versammlungsrechte; die Anonymität, das Lebenselixier der städtischen Kultur, wurde zur Bedrohung. Damit war das Ende der Internetutopie – die Netzkultur als Keimzelle einer neuen Gesellschaft – schon damals besiegelt. Aus dem Spruch, was offline gelte, müsse auch online gültig sein, habe sich der Anspruch entwickelt: Was online möglich ist, müsse auch offline realisiert werden: die Überwachung der öffentlichen und privaten Räume.

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