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Auslese Beschneidung Kein Recht auf Differenz?

Das Sorgerecht der Kinder als schlagendes Argument gegen die Beschneidung: Der Religionshistoriker Alfred Bodenheimer beschreibt in einem hervorragenden Essay, welche Wirkung die Debatte auf das jüdische Selbstverständnis hat.

Messer und Vorhautschutz auf einem Gebetbuch: Bodenheimer diskutiert, als nur auf ein uraltes göttliches Gesetz zu verweisen. Foto: dpa

Die Debatte über das Recht zur Beschneidung männlicher jüdischer Säuglinge in Deutschland mag zu einem Ende gekommen sein, ihre Konsequenzen für die jüdischen und nichtjüdischen Deutschen aber sind noch überhaupt nicht abzusehen.

Alfred Bodenheimer, Professor für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums an der Universität Basel, beschreibt den Stand der Dinge in seinem eindrucksvollen Essay „Haut ab! – Die Juden in der Beschneidungsdebatte“ folgendermaßen: „Das Jahr 2012 könnte als jenes in die Erinnerung der jüdischen Gemeinde eingehen, in dem die Grundfesten der Holocaust-Rezeption in Deutschland ins Wanken gekommen sind, befeuert durch den elektronischen Marktplatz, der eine praktisch ungebremste öffentliche Meinung in Gang gesetzt hat.“

Bodenheimer zeichnet die Debatte nach, ohne die Argumente der Beschneidungsgegner zu verhetzen und die ihrer Befürworter zu wiederholen, im Gegenteil: „ Ich finde die Argumente, die für die Beibehaltung der Beschneidung vorgebracht worden sind, nicht gut.“ Damit meint er unter anderem den Debattenbeitrag eines Rabbiners, der in einer Talk-Show die Hebräische Bibel hochhielt und mit der Bemerkung, bei der Beschneidung handele es sich um ein uraltes göttliches Gesetz, dieses für nicht verhandelbar erklärte. So leicht macht es sich Bodenheimer nicht.

Er betrachtet den Verweis der Beschneidungsgegner auf das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit vor dem Hintergrund der jüdischen Verfolgungs- und Unterdrückungserfahrungen: „Und hier wird letztlich der aktuelle Konflikt zwischen den Beschneidungsgegnern und der großen Mehrheit der Juden auch fassbar: Das Beharren auf der Autonomie des Kindes im Sinne des Rechts auf körperliche Unversehrtheit stellt für die Juden aufgrund ihrer Geschichte... einen neuerlichen Versuch ...des Entzugs eines Rechts auf Differenz dar – man scheint dafür auch bereit zu sein, ihr Sorgerecht für die eigenen Kinder auszuhebeln.“

Das torpediere den jüdischen Wunsch, in einer wirklich pluralistischen Gesellschaft zu leben. Damit entpuppe sich die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts für die überwältigende Mehrheit der Juden als ebenso wenig gewillt, ein jüdische Partizipation in der Gesellschaft anzunehmen wie ihre Vorgängergesellschaften. Bodenheimers Essay ist klug, brillant geschrieben und im besten Sinne parteiisch – er will nicht überreden, sondern er wirbt ebenso höflich wie hartnäckig um Verständnis.

Der Wallstein-Verlag – dafür gebührt ihm Dank – hat schnell gearbeitet. Dennoch kommt der Essay zu spät. Denn die gesellschaftlichen Verwüstungen, vor denen Bodenheimer warnt, hat die Debatte schon längst bewirkt.

Alfred Bodenheimer: „Haut ab!“, Wallstein-Verlag, 12,90 Euro

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