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Ausgelesen Zeit der Buchstaben bald vorbei

Die Zeit der Buchstaben sei bald vorbei, lesen wir in einem Text aus lauter Buchstaben. Das kann ruhig noch etwas dauern.

Hallo, liebe Leserin, lieber Leser, Sie lesen noch? Sie lassen Ihre Augen durch die Zeilen meiner Kolumne gleiten, von links nach rechts und zurück in die nächste Zeile? Oder lassen Sie sich meinen Text gar vom Computer vorlesen? Ich darf Ihnen kurz versichern, es ist nicht meine Stimme, die Sie da vielleicht hören. Ich habe meinen Text auch nicht mit Siri oder einem anderen Sprachprogramm verfasst, das ihn anschließend zu einer plausiblen Folge von Buchstaben gerinnen ließ.

Nein: Jeder einzelne Buchstabe wurde von mir höchstpersönlich auf der guten alten PC-Tastatur gesucht, gefunden und eingetippt. Es war eine Erlösung für mich, als ich mich endlich von der alten Olympia verabschieden durfte. Meine kleinen Finger hatten immer Mühe, das „ä“ oder „ü“ kraftvoll genug zu tippen, was dann aber immer auch lästige Löcher in den Buchstaben hinterließ. Die Älteren unter ihnen werden wissen, wie es war. Nun aber soll die Schriftkultur am Ende sein?

Eine Kollegin schickte mir freundlicherweise per Mail einen Artikel aus der „FAS“ dazu. Der bestand zwar noch aus vertrauten Buchstaben, und zwar aus der Tastatur von Markus Günther. Aber seine Prognose war deprimierend: „Nur noch Analphabeten“. Die Welt brauche bald keine Menschen mehr, formulierte er, die lesen oder schreiben könnten. Statt dicker Gebrauchsanweisungen gebe es künftig Infovideos, was ich persönlich bevorzuge, weil ich die Manuals nie verstanden habe. Aber alles, was der moderne Mensch sonst noch lernen möchte – vom Klavierspiel bis zur Zubereitung von Kartoffelbrei – finde sich im Netz. Der Kapitalismus benötige keine gebildete Bevölkerung, das zeige das Beispiel der USA mit ihrer erschütternden Alphabetisierungsrate, schreibt der Kollege. Aber haben die ungebildeten USA nicht Siri und Google Now auf den Markt geworfen? Auch für meine Kolumnen, die ich dann künftig in den Laptop plaudere, damit er ihn in Buchstaben gießt?

Mir eilt es ehrlich gesagt damit nicht so arg. Schon aus Trotz nicht. Als Kind galt ich ein wenig als bockig und begehrte auf. So genoss ich Wilhelm Busch, den Urvater des Comics. „Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen!“ Herrlich. Alle Warnungen vor der verdummenden Wirkung von Comics schlug ich in den Wind. „Nick, der Weltraumfahrer“ habe ich verschlungen. Einige Heftchen liegen noch heute bei mir im Regal. Späte Genugtuung: Der deutsche Astronaut Ulrich Walter hat Nick 1993 sogar mit auf die Raumfähre Columbia genommen.

Die nächste Verdummungsmaschine war dann das Privatfernsehen. Der US-Medienkritiker Neil Postman sah 1985 dadurch gar die Demokratie bedroht. In seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ schildert er, wie eine „Elite“ banale Unterhaltung für die dramatisch anwachsende Unterschicht produziert. Vom Internet und den Smartphones samt unbegrenzten Banalitäten konnte er noch nichts wissen.

Sinken wir nun zurück in die Verhältnisse des Mittelalters, als nur der Klerus und die Juden des Schreibens und Lesens mächtig waren? Nein, die Flamme der Zivilisation glimmt noch. Sogar der Privatsender RTL wirbt nun mit prominenten Gesichtern für die alte Kulturtechnik. „Wer liest, hat gut Reden“, weiß Comedian Bülent Ceylan. Und: „Lesen macht sexy.“ Vorlesen sowieso. Da können Sie also nichts falsch machen!

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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