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Ausgelesen Von Menschen und Mafia

Der Journalist Luke Harding hatte Einblick in die Wikileaks-Dokumente zu Russland. In seinem neuen Buch beschreibt er die Wirkungsweise des Systems Putin. Manche Passagen lesen sich wie ein Agententhriller.

26.05.2012 18:26
Frank Herold
Die beiden mächtigsten Männer Russlands: Präsident Wladimir Putin (l.) sowie sein Vorgänger und jetziger Ministerpräsident Dmitri Medwedew. Foto: dpa

Als Luke Harding, der langjährige Korrespondent des Londoner Guardian, Anfang Februar 2011 auf dem Moskauer Flughafen Domodedewo landet, wird ihm eröffnet, sein Visum sei ungültig. Für ihn sei „Russland geschlossen“. Schon kurz darauf sitzt er in dem Flugzeug, mit dem er gekommen ist – auf dem Weg zurück. Harding ist der erste Journalist seit dem Ende des Kalten Krieges, den die russischen Behörden ausweisen. Jetzt liegt sein Report aus Russland unter dem Titel „Mafiastaat“ auf Deutsch vor. Es gibt eine Antwort auf die Frage, warum Russland dringend Reformen braucht und warum sie mit einem Präsidenten Putin sicherlich nicht kommen.

Manche Passagen in Hardings Buch lesen sich ein Agententhriller. Wenn die Fenster der Wohnung plötzlich offen stehen, obwohl sie bei deren Verlassen geschlossen waren. Oder wenn plötzlich seltsame „Bildschirmschoner“ auf dem Laptop erscheinen. Harding schildert kafkaeske Situationen, wie der Geheimdienst seine Arbeit in Moskau begleitet. Bei aller Detailtreue verschwimmen am Ende die Grenzen und man fragt sich, wo die Paranoia größer ist: aufseiten des FSB oder auf der des Korrespondenten.

„Unseren Freunden, alles! Unseren Feinden, das Gesetz!“

Das Buch hat seine Stärken, die es aus der Flut von Korrespondenten-Büchern aus Moskau heraushebt. In Russland sind seit mehr als einem Jahrzehnt die Sicherheitskräfte an der Macht. Harding analysiert detailreich, warum das Land nicht wirklich sicherer geworden ist. Er beschreibt die Arbeitsweise eines Systems, das im Russischen mit einem einzigen Wort treffend beschrieben wird: „Kryscha“, „das Dach“. Es bezeichnet die Grenzüberschreitung zwischen der Macht und Teilen der organisierten Kriminalität, ja deren Bündnis miteinander

Das Motto der „Kryscha“: „Unseren Freunden, alles! Unseren Feinden, das Gesetz!“, schreibt Harding. Er entfaltet die politische Ökonomie des Putin-Systems an vielen Einzelfällen, bei denen er sich zumeist auf die Wikileaks-Veröffentlichungen stützt, die er als Guardian-Mitarbeiter auswerten konnte. Überzeugend ist das Buch dort, wo es sich von dem Verdacht entfernt, eine Abrechnung zu sein. Eindrucksvoll gelingt es dem Autor, von Menschen zu erzählen. Da sind Begegnungen mit den Menschenrechtlern Stanislaw Markelow und Natalja Estemirowa – beide sind später Opfer von Mordanschlägen.

Es werden aber auch Menschen plastisch und klischeefrei geschildert, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem System Putin arrangiert haben, wie der Milliardär Alexander Lebedjew, der in London Zeitungen besitzt, oder Aras Agalarow, der in seinen Siedlungen für die reichen Russen seinen Traum von einem proletarierfreien Paradies zu verwirklichen sucht. Frank Herold

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