Lade Inhalte...

Ausgelesen Vom Verbrecher Wladimir Putin

Masha Gessen zeigt in ihrer Putin-Biografie die Ideale des früheren FSB-Agenten. Das Buch liest sich wie ein Thriller.

Masha Gessen: Der Mann ohne Gesicht. Wladimir Putin. Piper, München 2012, 384 S., 22,99 Euro

Wenn Masha Gessen dieses Buch überlebt, dann hat sie ein klein wenig unrecht. Das Bild, das sie von Putin zeichnet, ist das eines kleinkarierten, nachtragenden Tyrannen, eines Mannes, der im Windschatten der Mächtigen nach oben gesurft ist. Einer, den man in den Vordergrund schob, weil man davon ausging, dass er keine eigenen Ziele verfolgte, sondern stets nur die des KGB. Zuerst des alten und dann des neuen, der in den Wirren des Untergangs der Sowjetunion und ihrer Institutionen entstand, um einem Teil der alten Elite die Macht zu erhalten.

Masha Gessens Buch ruft dem Leser die Welt in Erinnerung, in der Jelzin, Gaidar und Sobtschak – der Bürgermeister von Petersburg galt einmal als der König Silberzunge der Reformbewegung – ihre Rollen spielten. Gessen macht einem klar, wie sehr der Krieg im Kaukasus half, die zarten Ansätze einer Demokratiebewegung in Russland zu zerstören. Das Buch entfaltet ein Panorama der letzten zwanzig Jahre. Der Leser sieht sie vor sich. Ein schreckliches Tableau. Er sieht die Hungersnot in Petersburg und wie Lebensmittel tonnenweise von West nach Ost verschoben wurden. Mittendrin als der für die Außenwirtschaft der Stadt zuständige Mann Wladimir Putin. Ein korrupter Verbrecher.

Der Leser beginnt zu zweifeln an der Allgegenwart eines bombenlegenden tschetschenischen Terrorismus. Die Anschläge des Jahres 1999 auf Wohnhäuser in ganz Russland mit über 300 Toten, daran lässt Masha Gessen keinen Zweifel, gehen keinesfalls auf das Konto der Tschetschenen. Gessen macht plausibel, dass der russische Geheimdienst FSB selbst die Terrormaschine anwarf. Vom Juli 1998 bis August 1999 war Putin dessen Chef. Mr. Hexogen hieß er, wie der Sprengstoff, der bei den meisten Attentaten zum Einsatz kam.
Am 26. März 2000 wurde Mr. Hexogen Präsident, Stück für Stück wurden missliebige demokratische Organisationen aufgemischt, missliebige Journalisten umgebracht, missliebige Unternehmer beseitigt.

Gessen zeigt, wie Macht funktioniert, wie sie immer mächtiger werden muss, um mächtig zu bleiben.

Masha Gessen wurde 1967 in eine jüdische Familie in Moskau geboren. 1981 zogen die Gessens in die USA. Masha Gessen ging 1991 zurück. Sie hat die amerikanische und die russische Staatsbürgerschaft. Sie ist die Russlandkorrespondentin von US News & World Report. Ihr Buch ist gleichzeitig in zwölf Ländern erschienen. Jeder, der eine Tageszeitung liest, sollte es lesen. Er wird es lesen wie einen Thriller: entsetzt und hilflos, aber er wird es nicht aus der Hand legen können, bis er fertig damit ist. Dabei käme es doch darauf an, endlich mit Putin fertig zu werden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen